Dresden Denkmal für den permanenten Neuanfang“ von Heike Mutter und Ulrich Genth

Denkmal Neuanfang Dresden auf einer Hebebühne

Anzeige D er Dresdner Neumarkt zieht zeitgenössische Kunst an. Das Hamburger Künstlerduo Heike Mutter und Ulrich Genth haben ihn ganz bewusst für ihr "Denkmal für den permanenten Neuanfang" ausgewählt. Seit Ende April 2017 ist es Teil des beliebten Platzes vor der Frauenkirche.

Im Moment könnte es fast übersehen werden: Das “Denkmal für den permanenten Neuanfang” von Heike Mutter und Ulrich Genth ist mit seinen knappen 7,50 Metern Höhe eher einer der kleineren Blickfänger auf dem Neumarkt. Zumal es drei Kräne der benachbarten Baustelle himmelhoch überragen. Doch zwischen den klassisch-schwarzbronzenen Denkmälern für Friedrich August II. und Martin Luther nimmt sich das Neue ungewohnt farbenfroh aus. Auf seinem roséfarbenen Hebebühnen-Sockel vereinigen Edelstahlstreben Ausschnitte Dresdner Kulturgutes: Der türkisgrün patinierte Arm der Trümmerfrau, die im Original vor dem Rathaus steht, schlägt mit seinem Hammer zufallsgesteuert gegen eine ebenfalls türkisfarbene Kugel. Ihre gelochte Form entdeckten die Künstler an einer Elfenbein-Drechselarbeit im Grünen Gewölbe. Umweht wird beides von einem Schleier aus Aluminumguss – ein Ausschnitt des Grazien-Ensembles am Mozartbrunnen auf der Bürgerwiese.

Denkmal für den permanenten Neuanfang“ von Heike Mutter und Ulrich Genth
Das "Denkmal für den permanenten Neuanfang“ von Heike Mutter und Ulrich Genth vereint auf seinem roséfarbenen Hebebühnen-Sockel Ausschnitte Dresdner Kulturgutes miteinander.

Vis á vis steht die Dresdner Frauenkirche. Seit sie vor über zehn Jahren geweiht wurde, ist auch der Neumarkt um sie herum jedes Jahr vollständiger geworden. Die barocken Bürgerhäuser, die ebenso wie die Kirche im Krieg zerstört wurden, rahmen ihn Fassade für Fassade wieder ein. Auch durch die Diskussionen, die diesen Wiederaufbau bis heute begleiten – modernes versus historisches Bauen, öffentlicher Platz versus Hausrecht von Geschäftspassagen ‒ hat sich der Platz in den letzten Jahren zur bevorzugten Bühne für zeitgenössische Kunst gemausert. Im März 2016 verkörperten die Bronze-Wölfe von Rainer Opolka unter dem Titel „Die Wölfe sind zurück“ Angreifer auf die Demokratie. Die drei senkrecht aufgestellten Busse der „Monument“-Skulptur des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni wurden gerade erst abgebaut.

Das „Denkmal für den permanenten Neuanfang“ soll nun zwei Jahre bleiben, und auch seinen Platz am Neumarkt haben Genth und Mutter bewusst gewählt: Schon in anderen Städten haben sie sich mit öffentlichen Plätzen und deren Geschichte auseinandergesetzt und mal augenzwinkernde, mal provokante, stets vielschichtige Installationen geschaffen. Dresden wird manchmal vorgeworfen, sich am liebsten selbst zu spiegeln. Mit ihrem „Denkmal für den permanenten Neuanfang“ hat es eine spannende Reflexion von außen bekommen.

Im Neumarkt sieht das Künstler-Duo hinter dem barocken Fassaden-Wiederaufbau auch den Kampf der Bürger für ihren Stadtraum, gegen renditeoptimierte Investorenarchitektur. Und sie sahen noch etwas: „Nach unserer Recherche wurde in Dresden außer Clara Zetkin keiner einzigen Frau ein eigenes Denkmal geweiht“, sagt Genth. Grazienschleier und Trümmer-Arm spielen nun auf die Rolle der Frauen an, die im Stadtraum sichtbar sind. „Die Kugel dagegen steht für Perfektion“, sagt Genth und verweist auf ihren Symbolgehalt: Sie stehe für die vollkommene Form, für Herrschaftszeichen von Globus bis Reichsapfel ebenso wie für das Streben nach Ganzheit: „Von allen Objekten im Grünen Gewölbe haben mich diese Kugeln sofort fasziniert – weil sie überhaupt keine zierende Funktion haben. Obwohl sie aus dem 16. Jahrhundert sind, wirken sie sehr modern.“

Von allen Objekten im Grünen Gewölbe haben mich diese Kugeln sofort fasziniert – weil sie überhaupt keine zierende Funktion haben. Obwohl sie aus dem 16. Jahrhundert sind, wirken sie sehr modern.
Ulrich Genth

Die Dresdner Zeit des Barocks haben Genth und Mutter beiseitegelassen. Dafür ist Dresden ohnehin berühmt. Neuanfänge gab es auch vorher schon – und danach sowieso. Nirgends ließe sich das besser ablesen als am neu aufgebauten Neumarkt, an den der eben neueröffnete Kulturpalast angrenzt. Wenn in zwei Jahren schließlich auch die Kräne der letzten Baustelle einer Baumallee gewichen sind, schafft das neue Denkmal selbst Platz für Neues.

Bis dahin lässt es sich besuchen – und mit etwas Glück erlebt man auch einen der Gongschläge.