Große Gefühle

Anzeige F rüher war er das Tor Dresdens zur Welt. Heute ist er immer noch eine Identifikationsfläche: Die Dresdner pflegen eine besonders intensive, wenn auch nicht immer unproblematische Beziehung zu ihrem Fußballklub Dynamo Dresden

Text: Thomas Winkler

Im VIP-Raum des Stadions hängen die Wimpel von FC Barcelona, Atlético Madrid oder auch Rapid Wien. So hießen einmal die Gegner, mit denen sich Dynamo Dresden messen durfte. In den Siebziger- und Achtzigerjahren, als die Sportgemeinschaft Dynamo Dresden, von den Fans liebevoll „SGD“ abgekürzt, DDR-Meisterschaften gewann und regelmäßig im Europapokal gegen große internationale Namen spielte.

In dieser Zeit wurde der Mythos geboren, der den Verein noch heute umgibt. An den Europapokal-Abenden wurde Dynamo zum Tor in eine weite Welt, die in Dresden, wo kein Westfernsehen zu empfangen war, besonders weit entfernt schien.

Aber auch in der Gegenwart ist die SGD der mit Abstand mitgliederstärkste Verein in den neuen Bundesländern. Die Stadt pflegt eine tiefe Verbundenheit mit ihrem Klub.

Einer der Architekten dieser Beziehung ist Hans-Jürgen Dörner. „Dixie“, wie ihn noch heute alle rufen, gestaltete von 1968 bis 1986 das Dynamo-Spiel, wurde fünf Mal DDR-Meister und vier Mal Pokalsieger.„Dresden war schon immer eine Fußballstadt“, erinnert er an den Dresdner Sportclub, bei denen der spätere Weltmeistertrainer Helmut Schön spielte und 1943 und 1944 Deutscher Meister wurde. „Aber heute ist es Liebe“, sagt Dörner über das Verhältnis der Stadt zu Dynamo.

Der elegante Dörner war einer jener Spieler, die den legendären Ruf des Klubs und seine Verwurzelung im schöngeistigen Dresden begründeten. Vor allem wenn Dresden gegen den DDR-Dauermeister Berliner Fußball Club Dynamo spielte, dann wurde mehr verhandelt als Fußball gespielt. Denn während die Spielweise der Dresdner als besonders schön anzusehen galt, wurde der BFC allzu oft Meister, weil es die Funktionäre und Schiedsrichter so wollten. So zumindest die Legende, die besagte, dass hinter dem BFC Erich Mielke, der Chef der Staatssicherheit, stand.

Auf den Rängen des Rudolf-Harbig-Stadions, wie es damals noch hieß, gegen den BFC zu schreien – das war auch Protest gegen das System.

Aussenansicht des Stadions in Dresden

„Die Tribüne wurde zu DDR-Zeiten als ein Ort gesehen, an dem man sich freier äußern konnte als anderswo“, erinnert sich Jens Genschmar. Er ist 49 Jahre alt, trägt ein Dynamo-Tattoo auf der rechten Wade und ist Inhaber des Dresdner Fußball-Museums. „Der Anspruch ist aus der Vergangenheit natürlich da: Wir gehören in die 1. Liga und ins internationale Geschäft.“

Von der „Intensivstation“ in die Zweite Liga

Ein Anspruch, der sich nicht ganz deckt mit der Gegenwart. Denn die bietet derzeit nur Spiele gegen Darmstadt oder Bielefeld.

Und doch: Der aktuelle Alltag in der 2. Bundesliga ist ein Erfolg. Denn Dynamo Dresden lag vor gar nicht so langer Zeit noch „auf der Intensivstation“, formuliert es Ralf Minge. Der 57-Jährige war in den 80er-Jahren Dynamos treffsicherer Mittelstürmer, eine Spielerlegende. Heute ist er der Sportgeschäftsführer, der den Verein in ruhiges Fahrwasser führt. Denn nach der Wiedervereinigung gab es immer wieder Abstiege, windige Investoren, einen Zwangsabstieg, mehrmals stand man kurz vor der Insolvenz.

In diesem Existenzkampf spielten und spielen die Fans eine entscheidende Rolle. Mal retten sie mit ihrer Hingabe den Verein, mal bringen sie den Klub in die Bredouille. Legendär das „Geisterspiel“ am 11.3.2012: Wegen Zuschauerausschreitungen war verfügt worden, dass Dynamo ein Spiel vor leeren Rängen austragen musste. Daraufhin organisierten trotzige Anhänger eine Aktion und verkauften „Geistertickets“. Damit konnten die Fans das Spiel zwar nicht sehen, aber die Soli-Aktion sicherte dem Klub die nötigen Einnahmen.

Dynamo Dresden-Fans während eines Spiels gegen den FC Union Berlin am 4.11.2006 in Dresden. Die Fans beider Clubs waren in den vorangegangenen Monaten durch Aggressivität aufgefallen

Der Zuschauerausschluss war nur einer unter mehreren unrühmlichen Höhepunkten, mit denen Teile der Dynamo-Anhängerschaft auffällig wurden. Die Dresdner Hooligans sind berüchtigt. Sportdirektor Minge führt „einen permanenten Dialog mit der aktiven Fan-Szene“, wie er sagt. „Dass das Ventil Gewalt immer öfter genutzt wird, das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.“

Erst 2016 ist man wieder in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Aktuell investiert man 15 Millionen Euro in ein neues Trainingszentrum, die Nachwuchsabteilung ist schon heute eine der besten in Deutschland. Aufgrund von Tradition und Anhängerschaft besitzt Dynamo alle Voraussetzungen für die Erstklassigkeit.

„Fußball im Allgemeinen und Dresdner Fußball im Speziellen hat etwas mit emotionalen Ausschlägen zu tun“, sagt Manager Minge. „Aber natürlich träumen wir von der 1. Liga, und Europa ist die große Sehnsucht. Man muss doch einen Traum haben.“