Werke von Gerhard Richter im Albertinum

Kein Zufall: Gerhard Richter in Dresden

Anzeige D er international erfolgreichste Gegenwarts- künstler hat ein Standbein in Dresden: Das Gerhard Richter Archiv gibt sein sechsbändiges Werkverzeichnis heraus und ist erster Ansprechpartner, wenn es um Fragen zu Richters Kunstwerken geht.

Von Siiri Klose

Theresa Manzke muss eine mitreißende Kunstlehrerin gehabt haben. Deren Begeisterung für Gerhard Richter führte die heute 22-jährige vom oberfränkischen Marktredwitz nach Dresden. Denn als es darum ging, ein Thema für die „Besondere Lernleistung“ im Abitur zu finden, stand für die damalige Schülerin fest: Die Arbeit sollte von Gerhard Richter handeln. Und von Jan Vermeer van Delft. Der ist ja auch nicht ohne.

Außenansicht des Albertinum
Das Albertinum beherbergt die Galerie Neue Meister sowie die Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Beide Künstler treffen sich in einem Punkt: Sie haben jeweils ein in Buchstaben versunkenes Frauenporträt im Profil gemalt. Vermeer das „Brieflesende Mädchen am offenen Fenster“ (1657-1659) und Richter die „Lesende“ (1994). Die kompositorische Ähnlichkeit drängt den Gedanken auf, dass der zeithistorisch Jüngere das Werk des Älteren gekannt haben muss.

Manzke machte schnell Dresden als wahrscheinlichsten Ort dieser Bekanntschaft aus: In der Gemäldegalerie hängt das „Brieflesende Mädchen“ bei der holländischen und flämischen Malerei des 17. Jahrhunderts, und Richter verfügt über zwei ständige Ausstellungsräume bei den Neuen Meistern im Albertinum. Kein Zufall: Richter wurde 1932 in Dresden geboren und studierte in den 50er Jahren Wandmalerei an der Kunsthochschule auf der Brühlschen Terrasse. Er verfolgte genau, wie der DDR-Kunstbegriff rasch auf die enge Formel des Sozialistischen Realismus zusammenschnurrte. Zwar beherrschte Richter die politisch erwünschten Formen perfekt – ein Wandbild von ihm schlummert heute noch unter einer weißen Farbschicht im Foyer des Deutschen Hygiene-Museums. Doch freilegen lassen möchte es der Künstler keinesfalls. Er akzeptiert es nicht als Kunstwerk, angesichts der unfreien Bedingungen, unter denen das Wandbild entstand. Seine Möglichkeiten in der DDR empfand er zunehmend als Sackgasse. 1961, nach dem Besuch der documenta II in Kassel, entschied er sich endgültig, die DDR hinter sich zu lassen, um seine künstlerische Arbeit in Westdeutschland ohne Zwänge und Kompromisse weiter zu entwickeln.

Lichthof des Albertinums
Lichthof des Albertinums

Es war Martin Roth, der im August 2017 verstorbene ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), der Gerhard Richter wieder in Dresden verankerte. Im Jahr 2002, nachdem das Hochwasser das Depot im Keller des Albertinums geflutete hatte, warb Roth um Spenden für einen flutsicheren Depotneubau unter dem Dach. Richter war der erste, der ein Gemälde stiftete – „Der Fels“ brachte 2,6 Millionen Euro ein. Zwei Jahre später bot Roth dem Künstler zwei Räume in der Galerie Neue Meister – keine Selbstverständlichkeit im beengten Albertinum. Bis heute schließen Richters Werke den Rundgang ab, der mit Caspar David Friedrich beginnt.

„Nach dem Museum Ludwig in Köln und dem Neuen Museum Nürnberg haben wir hier die drittgrößte ständige Ausstellung von Gerhard Richter“, sagt Kerstin Küster vom Gerhard Richter Archiv. Auch diese besondere Institution geht auf Martin Roths Initiative zurück: „Er wollte Richter wieder mit Dresden verbinden“, sagt Küster. In die Waagschale werfen konnte er eine wissenschaftliche Betreuung von Richters künstlerischem Archiv durch die SKD: Kataloge, Plakate, Einladungskarten, Zeitungsbeilagen, Korrespondenzen, CDs, DVDs, Kinofilme, „wir haben sogar Weihnachtskalender, Mathematik- und Kinderbücher mit Richter-Motiven“, sagt Küster. Am Tag der offenen Tür am 12. Dezember 2017 werden die kuriosesten Richter-Devotionalien ausgestellt, im Alltag hilft das Archiv Forschern mit seltenen Katalogen aus den 70er Jahren weiter.

Das Gerhard Richter Archiv.

Gerhard Richter setzte Dietmar Elger als Leiter dieses Archivs ein: Elger hatte bereits als Sekretär in seinem Atelier gearbeitet. Niemand ist mit Richters Arbeitsweise so vertraut wie er, niemand sonst kann auf Anhieb den Verbleib aller Bilder benennen. Ein nicht zu unterschätzender Wissensschatz, denn nicht alle Privatsammler möchten für ihre Richter-Werke bekannt werden. Eine der wichtigsten Aufgaben des Archivs ist es dann auch, Werke für Ausstellungen zu vermitteln, Leihgeber und Kuratoren zusammenzubringen, Alternativen zu nennen, wenn eine Arbeit nicht erhältlich ist. „Es hätte beispielsweise gut mit der aktuellen ‚Skulls‘-Ausstellung von Marlene Dumas im Albertinum korrespondiert, wenn wir auch ein Gemälde aus Richters ‚Schädel‘-Serie hätten zeigen können“, sagt Küster. Die Zusammenarbeit des Archivs mit den Neuen Meistern ist eng und von kurzen Dienstwegen geprägt. Weil Richters „Schädel“ jedoch gerade als Teil der „The Life of Images“-in Brisbane ausgestellt sind, besorgte das Archiv die „48 Porträts“ des Künstlers für das Albertinum – ebenfalls eine geniale Ergänzung zu Dumas‘ Aquarellporträts.

Das Richter-Archiv hatte Theresa Manzke damals für ihre Seminararbeit ebenfalls aufgesucht. Und sich nebenbei in Dresden verguckt. Mittlerweile beendet sie ihr Studium an der Technischen Universität Dresden. Doch auch, wenn ihre Zeit hier bald vorbei sein wird: Gerhard Richter wird für sie immer mit Dresden zusammengehören.