Der Altar von Marlene Dumas in der Annenkirche

Künstlerin Marlene Dumas in Dresden

Anzeige A m 23. November wird die südafrikanische Künstlerin Marlene Dumas mit dem Hans Theo Richter-Preis der Sächsischen Akademie der Künste geehrt. Im Albertinum und im Kupferstich-Kabinett sind zudem noch bis Mitte Januar zwei Ausstellungen der international bekannten Künstlerin zu sehen. Bleibende Spuren aber hat Marlene Dumas in Dresden vor allem durch ihr Altarbild für die Annenkirche hinterlassen.

Von Jens Wonneberger
Auf den ersten Blick scheint es allein die Größe zu sein, die unserer Vorstellung von einem Altar­bild entspricht. Das 3,60 Meter breite und 7,80 Meter hohe Bild aber strahlt eine frappierende Leichtigkeit aus, die sich dem schlichten Innenraum der Annen­kirche anpasst und in seiner Reduktion doch eher an einen Comic erinnert. Es ist dieses Spiel mit unseren Erwartungen, die Entlarvung von Klischees, die Umkehrung unserer Seh­gewohnheiten, die dieses Bild zum Ereignis und zum Raum unserer Reflexionen werden lassen.

Die südafrikanische Künstlerin Marlene Dumas

Ein von Bert Boogaard gemalter, auf wenige sich verzweigende Äste reduzierter Lebens­baum wird zum Träger von fünf Rund­bildern, auf denen Marlene Dumas eine aktuelle Sicht auf biblische Themen und Glaubens­motive entwirft. Da ist das kenternde, von Schwimm­westen tragenden Menschen überfüllte Flüchtlings­boot, das auf gegenwärtige Katastrophen verweist. Aber ist es nicht zugleich der Kahn mit Jesus und seinen Jüngern im Sturm auf dem See Genezareth? Verweist nicht die Lage des Boots auf das Bild der Himmels­leiter, jener Traum­vision Jakobs mit den Engeln zwischen Himmel und Erde. Nicht von ungefähr schwebt ein von Jan Andriesse geschaffener Regenbogen über der gesamten Szenerie des Lebens­baums.

Umkehrung auch beim Motiv der Pietá. Nicht Maria beweint den toten Christus, hier trägt ein Mann eine Frau, die schlaff und leb­los auf seinen Armen ruht. Das zentrale Glaubens­motiv des Christen­tums, das Kreuz, wird bei Dumas zu einem schlichten weißen Fenster­kreuz, hinter dem der blaue Himmel wie ein Versprechen anmutet.

Und der Gekreuzigte selbst? „Free Jesus“ nennt Marlene Dumas ihr Bild, in dem sie ihn vom Kreuz gelöst hat, ihn wie einen Auf­erstandenen vor einem strahlenden Gelb schweben lässt. Es ist noch immer ein geschundener Körper, aber ein befreiter und er ist schwarz. Eine ungewohnte, für manchen befremdliche Darstellung des Jesus, die aber zugleich so radikal ist, wie seine Botschaft, die Liebe. Mit seinen nur angedeuteten, kaum Individualität verratenden Gesichtszügen wird er zugleich zu einer universellen aber nicht beliebigen Figur, deren Erlösungs­botschaft sich an jede und jeden richtet.

Mit ihrem Altar­bild für die Annen­kirche gelingt Marlene Dumas der Spagat zwischen christlicher Symbolik und einer Bilder­welt, die von aktuellen Ereignissen und Erfahrungen geprägt ist. Die großen christlichen und menschlichen Themen werden hier in eine reduzierte, auf unmittelbare Weise wirkende Bild­sprache übersetzt. Das ist ebenso mutig, wie es vom Betrachter Mut einfordert, den Mut sich auf der Grund­lage der alten, über­lieferten Werte des Christentums den heutigen Realitäten zu stellen.