Radkevych, Sergii *1987: Ukraine, One Space, Wandmalerei, 2017, Sprühdose, Acryl, Tempera, 120 x 60 cm.

Ostrale Weltall, Erde, Mensch, Kunst

W urzeln im Osten und ein junger Blick in die Welt – zwischen diesen beiden Polen breitet die Ostrale einen riesigen Bilderbogen aus. 164 Künstler aus 25 Nationen füllen 8000 Quadratmeter mit ihren Werken.

Pralle Vielfalt entfaltet sich hinter jeder Ecke der rohen Ausstellungshallen. Da steht eine raumhohe Teppichrakete neben einem ebenso großen Teppichroboter, beide erschaffen von dem ukrainischen Künstler Sergij Grigorjan. Der Belgier Mark Swysen lässt einen scheppernden Einkaufswagen stoisch an leere Blechregale rammen. Die laszive Europa von Igor Pereklita, sehr blond und sehr nackt, überstrahlt nicht nur den Stier auf ihrem Bild, sondern gleich die ganze Wand, an der sie hängt. Um das „re_form“-Thema, das sich die diesjährige Ostrale gegeben hat, können sich viele kluge Assoziationsketten spinnen, aber hier oben, auf dem ehemaligem Heuboden der alten Viehställe, ist die Ostrale vor allem: Jung. Laut. Spannend. Und macht Spaß.

Direktorin Andrea Hilger.
Direktorin Andrea Hilger.

So hat diese eigenwillige Ausstellung zeitgenössischer Kunst vor elf Jahren auch angefangen. Auf der Suche nach einem Platz für Kunst, Performances und Tanz stießen Andrea Hilger und Mike Salomo auf das alte Schlachthofgelände im Ostra-Gehege. 1910 wurde es als zentrale Anlage der Stadt erbaut, 1995 stillgelegt. Hilger ist bis heute künstlerische Leiterin der Ostrale, und aus der Situation – kein Geld, aber viel Platz, keine Institution im Rücken, aber viele Kontakte in die Welt – haben sie und ihre Mitstreiter über die Jahre ein Konzept verdichtet, das Kunst in erfrischender Vielfalt nach Dresden holt. So viel, dass sich die Ostrale mittlerweile mit einigem Recht als documenta des Ostens bezeichnet. Neugierig auf Osteuropa und den nahen Osten, auf die Kunstszene zwischen Dresden und Leipzig, auf den Nachwuchs ohne Galerie-Anschluss. Und in diesem Jahr auch auf die Alten.

Der alteingesessene Dresdner Bildhauer Peter Makolis etwa hat für sein Werk „Schädel“ Feldsteine zu einer prähistorischen Ahnengalerie behauen und sie so glatt poliert wie die Schädel in den archäologischen Museen. An dieser Stelle wird klar, dass die fünf großen Hallen einer Dramaturgie folgen: Gleich neben den Steinen hängen Hanif Lehmanns Druckgrafiken von Beinhäusern, und auf dem Boden ist die kreisrunde Videoprojektion von Kay Kaul zu sehen, die die Erde aus Sicht der Raumfahrer zeigt. Offensichtlich liegt hier der Startschuss für die Schöpfung und die Ostrale gleich mit: Weltall, Erde, Mensch, Kunst.

Und dann kommt natürlich schon die Religion. Franciszek Orlowski bringt Poznans Glocke mit einem Tuch um den Klöppel zum Schweigen – und damit die quietschenden Geräusche des Glockenjochs und des ganzen Kirchturms zu Gehör. Sergii Redkevych nutzt eine Tür und zwei Fenster, um sein Graffiti einer Jesus-Ikone zu gliedern – oder ist es eine Wandmalerei, sobald es sich um eine Heiligendarstellung handelt?

Wie essenziell die Hallen-Themen Religion, Identität, Krieg, Zukunft und neue Staatsformen das Leben in Osteuropa bestimmen, lässt die Kunst eindringlich spüren. Bunt, groß, laut und still zurückhaltend legt sie Zeugnis ab von der Suche nach einem Platz in der Welt, nach Wurzeln und Zukunft. So, wie die Ostrale selbst auch: Es ist ihr erstes Jahr als Bienale. Nächstes Jahr wird sie in die Maltesische Kulturhauptstadt Valletta reisen und 2019 andere Räume füllen – die Futterställe brauchen dringend eine Sanierung.