Pagoden, Perlen, Porzellan Fernöstliches entlang der Sächsischen Weinstraße

G oethe brachte es im „West-Östlichen Divan“ auf den Punkt: „Wer sich selbst und andere kennt,/Wird auch hier erkennen:/Orient und Okzident/Sind nicht mehr zu trennen.“ Die Begeisterung fürs Exotische ist freilich viel älter. Schon die Reiseberichte des Venezianers Marco Polo hatten das Interesse für Ostasien geweckt, das besonders im 17. und 18. Jahrhundert mit dem wachsenden Überseehandel in eine regelrechte Mode umschlug. Die hat auch in Sachsen ihre bis heute sichtbaren Spuren hinterlassen, in der Architektur, der Gartenbaukunst oder in den Kunstsammlungen der sächsischen Herrscher. Wie der Osten den Westen inspirierte, zeigt eine Reise von Süden nach Norden, entlang der Elbe, von Zuschendorf bis zu den Anhöhen der Weinberge bei Meißen.

13. Mai 2019

Schloss Zuschendorf

Die Zucht von Pflanzen ostasiatischen Ursprungs wie Kamelien, Azaleen, Hortensien und Rhododendren haben in sächsischen Gärten Tradition. Sie prägen auch die botanische Sammlung des Landschlosses Zuschendorf bei Pirna.

Blick auf das Landschloss.

Die großen Stars aber sind hier die Kleinen: die Bonsais. Die ursprünglich aus China stammende und vor allem von den Japanern weiterentwickelte Kunst des Kleinhaltens von Gehölzen wurde in Sachsen zunächst durch ihre Darstellung auf Bildern und Porzellanen bekannt. Erstmals in großem Stil gezeigt wurden die „Zwergbäume der Japanesen“ auf der Internationalen Gartenbauausstellung in Dresden. Das war 1907 und es dauerte noch über siebzig Jahre, bis Gärtner und Züchter begannen, auch in Dresden Bonsais zu gestalten und zu sammeln. Nach 1989 kamen zwei dieser Sammlungen nach Zuschendorf, wo man den Park danach schrittweise im sächsisch-chinoisen Stil umgestaltete. Die seitdem kontinuierlich ausgebaute Sammlung bietet auf kleiner Fläche einen enormen Artenreichtum und lädt zu einer baumkundlichen Reise von Europa über Amerika bis nach Asien ein. Kern der Sammlung aber sind die in Mitteleuropa heimischen Gehölze. Erstaunen und Verwunderung sind garantiert, wenn sich Wildäpfel oder Kiefern en miniature präsentieren.

Schloss Pillnitz

Großes dagegen erwartet den Besucher einige Kilometer elbabwärts. Zehntausende karminrote Blüten schmücken von Mitte Februar bis April die Pillnitzer Kamelie. Die bringt es mittlerweile auf eine Höhe von fast neun und einen Durchmesser von elf Metern, weshalb der Besucher sie von zwei Etagengängen betrachten kann. Ein fahrbares Schutzhaus sorgt auch im Winter für die nötige Wärme und garantiert so, dass jedes Jahr Ableger des asiatischen Teegewächses an die Besucher verkauft werden können.

Das Alter der Dame kann man nur schätzen, stolze 230 Jahre sollen es sein. Seit 1801 jedenfalls steht die aus Japan stammende Kamelie wo sie steht, im Park des Schlosses Pillnitz. Und dort steht sie richtig, gilt doch das Schloss an der Elbe als hervorragendes Beispiel für die Chinamode des 18. Jahrhunderts. Natürlich hatte August der Starke seine Finger im Spiel, der den Bau „indianisch“ gestaltet wissen wollte, worunter man damals alles verstand, was aus dem Orient beziehungsweise Ostasien stammte.

Die Dächer und Gesimse des Wasserpalais und zahlreiche Chinoiserien lassen keinen Zweifel was gemeint war, selbst wenn die Idee, „das zu Pillnitz zu erbauende orientalische Lustschloss in Porcellan“ auszuführen, nicht realisiert wurde, es wird an anderer Stelle darauf zurückzukommen sein.

 

Chinesischer Pavillon Pillnitz

Bleiben wir aber zunächst in Pillnitz, wo die Chinamode auch später noch Blüten trieb. Im nördlichen Parkteil des Schlosses wurde 1804 ein chinesischer Pavillon errichtet, der als beste europäische Nachbildung eines geschlossenen ostasiatischen Bauwerks gilt. Der Innenraum wurde mit chinesischen Landschaftsbildern bemalt, was ein paar Jahrzehnte danach die Dresdner Romantiker anzog.

Dabei dürfte es aber eher italienisch zugegangen sein, denn Prinz Johann, der unter dem Namen Philalethes Dantes „Göttliche Komödie“ übersetzt hatte, versammelte in den Sommermonaten im chinesischen Ambiente das von ihm gegründete „Dante-Komitee“. Später wurde er König von Sachsen, während der „König der Romantik“, Ludwig Tieck nämlich, schon zugegen war, um im „altmodisch verzierten bequemen Gartenzimmer“ vor den „sonnig-heiteren Blumenbeeten … die von einem Fürsten verdeutschten Verse des Dichterfürsten“ zu lauschen. So jedenfalls erinnerte sich Carl Gustav Carus, der den Pavillon allerdings japanisch nannte.

Der Chinesische Pavillon in Pillnitz gilt als meisterhafte Nachbildung der ostasiatischen Vorbilder.

Chinesischer Pavillon Weißer Hirsch

Mehr als hundert Jahre jünger als der chinesische Pavillon in Pillnitz ist jener auf dem Weißen Hirsch. Seine Geschichte aber ist umso bewegter. Man schrieb das Jahr 1911, in China herrschte der letzte Kaiser und in Dresden fand die vom „Odol-König“ Karl August Lingner initiierte erste Internationale Hygiene-Ausstellung statt.

Zu den Teilnehmern gehörte auch China, das auf dem Ausstellungsgelände eine dreistöckige Pagode und einen Pavillon für die über 1000 Ausstellungstücke errichten ließ. In Shanghai erbaut, wurden die Teile nach Deutschland verschifft und im Großen Garten wiedererrichtet. Nach dem Ende der Ausstellung blieben die Gebäude als Gastgeschenkt zurück, den Pavillon kaufte die Gemeinde Weißer Hirsch und setzte die klassische chinesische Holzkonstruktion in den Rathausgarten. Dort gaben sich bald die Kurgäste des Lahmann-Sanatoriums die Klinke in die Hand, der Pavillon wurde Lesehalle und Café, war Trinkkurhalle der berühmten Molkerei der „Gebrüder Pfund“ und einige politische Dynastien später erstes Chinarestaurant im Nachwende-Dresden.

Im August 1997 allerdings brannte er vollständig aus. Ein 2005 gegründeter Verein baute ihn später wieder auf und stellte ihn dem kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Austausch mit China zur Verfügung.

Der Chinesische Pavillon auf dem Weißen Hirsch ist 1911 in Shanghai errichtet worden, in Einzelteilen nach Deutschland gebracht und in Dresden wieder aufgebaut worden.

Japanisches Palais

Aus dem Pillnitzer „Lustschloss in Porcellan“ war also nichts geworden, doch da gab es ja, vom Schloss nur einen Sprung über die Elbe entfernt, das „Holländische Palais“. Schon 1717 hatte August der Starke das gräfliche Lustschloss erworben und brachte hier seine umfangreiche Sammlung ostasiatischen Porzellans und Teile der Kunstkammer unter.

Einige Jahre nach den Hochzeitsfeierlichkeiten des sächsischen Kronprinzen begann der Um- und Neubau, der nach den Plänen des Kurfürsten in einem „Porzellanschloss“ enden sollte. Der Name bezog sich dabei nicht nur auf die Sammlung, nein, es sollte porzellangedeckte Dächer geben und porzellanverkleidete Wände, Kanzel, Altar und Orgelpfeifen der Kapelle sollten aus Porzellan sein und August träumte von einem Thron aus weißem Porzellan. Auch daraus wurde letztlich nichts, trotzdem trägt das „Japanische Palais“ mit seinen fernöstlichen Dachformen und den Figuren im asiatischen Stil an der Außenfassade und im Innenhof seinen Namen völlig zu Recht.

Später wurde die größte Chinoiserie Europas zum „Museum zum öffentlichen Gebrauch“, beherbergte erst die kurfürstliche -, dann die Landesbibliothek und wird heute museal genutzt. Zu sehen ist mit dem Damaskus-Zimmer auch ein Kleinod osmanischer Innenarchitektur.

Die auffälligen Dachformen aus der japanischen Architektur gaben dem Palais seinen Namen.

Porzellansammlung Zwinger

August der Starke und das Porzellan, es ist eine unendliche Geschichte. Der nach eigenen Worten von einer „maladie de porcelaine“ befallene Kurfürst sammelte das „weiße Gold“ aus Ostasien mit großer Besessenheit. Die Sammlung, zu der bald auch das Porzellan aus der von ihm gegründeten Meißner Manufaktur gehörte, ist heute nicht im Japanischen Palais, sondern im Zwinger zu sehen. Wobei, zu sehen sind nur die schönsten und bedeutendsten von den etwa 20.000 Stücken aus China, Japan und Meißen.

Die fanatische Leidenschaft des Herrschers ging soweit, dass er bei Friedrich Wilhelm I. sogar sechshundert seiner Soldaten gegen weiß-blaue chinesische Deckelvasen aus der Ming- und Qing-Dynastie eintauschte. Übrigens, die Leidenschaft des Dresdners fürs asiatische Porzellan, fand auch in Japan ihren Wiederhall, steht doch im Porzellanpark der Stadt Arita eine Kopie des Dresdner Zwingers.

Grünes Gewölbe

Aber bleiben wir im Dresdner Residenzschloss. Porzellane aus Asien waren nicht die einzigen Kostbarkeiten, die ihren Weg in die Kunstkammer von August dem Starken fanden. Und asiatische Anklänge finden sich nicht nur in der Architektur. Zu den Prunkstücken des Grünen Gewölbes gehört das am Anfang des 18. Jahrhunderts nach einem Entwurf von Johann Melchior Dinglinger entstandene Kabinettstück „Der Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb“.

Sechs Jahre brauchten die Juweliere, um das glanzvolle Fest des legendären Großmoguls in Szene zu setzen. Und damit den Traum von der absoluten Herrschaft, denn Aureng-Zeb regierte fast fünfzig Jahre lang über den indischen Subkontinent. So groß wurde Augusts Macht nie, ihm blieb aber die glitzernde Vision in Gold und Silber. Und die ließ er sich einiges kosten, denn 5223 Diamanten, 189 Rubine, 175 Smaragde, 53 Perlen und vieles mehr, was den indischen Hofstaat schmückte, hatten auch damals schon ihren Preis.

 

Fasanenschlösschen

Für die Umsetzung ihrer Träume war den Herrschern kein Preis zu hoch. Im Jagdrevier bei Moritzburg gestaltete ein sächsischer Minister gleich die ganze Landschaft um. Zwar mutet der Leuchtturm in der Nähe des Jagdschlosses eher nordisch an, doch auf dem See spielte der Hof mit russischen Gästen die Schlacht bei Tschesme nach, bei der die türkische Flotte 1770 von den Russen geschlagen worden war.

Das Gebiet heißt noch heute Dardanellen, doch es bleibt ein sächsischer Teich und eine Illusion, wie die Yenidze in Dresden, die keine Moschee, sondern eine ehemalige Zigarettenfabrik ist. Deren Produkte kamen mit Namen wie „Salem Gold“ oder „Orient“ auf den Markt. Gleich neben dem Moritzburger Leuchtturm steht das Fasanenschlösschen. Gekrönt wird der kleine Landsitz seit dem Ende des 18. Jahrhunderts von einem Mandarin, der, entsprechenden Wind vorausgesetzt, schon mal mit dem Kopf nicken kann, als wolle er allen Chinoiserien entlang der Elbe seine Zustimmung geben.

Pagode in Proschwitz

Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft. Die Erfindung des europäischen Porzellans und dessen Produktion prägten die Geschichte von Meißen, was auch in der (seit 1979 bestehenden) Städtepartnerschaft mit dem japanischen Porzellanzentrum Arita zum Ausdruck kommt. Doch Meißen ist auch eine Stadt des Weins.

Ideenskizze für eine mehrstufige Pagode am Proschwitzer Weinberg.

Sollte nun aber das Gerücht aufkommen, nach diversen Weingütern in Frankreich würden sich asiatische Investoren zukünftig auch im sächsischen Weinbau engagieren, können diese ins Reich der Fabel verwiesen werden. Denn wenn irgendwann oberhalb der Meißner Katzenstufen eine japanische Pagode stehen sollte, dann wird eine Idee des Prinzen zur Lippe vom Weingut Schloss Proschwitz Realität geworden sein. Schon das am Anfang des 18. Jahrhunderts gebaute Schloss wartet mit einem Chinesischen Pavillon auf, von den Gaststätten- und Tagungsgebäuden im japanischen Stil aber – geplant sind neben der Mittel-Pagode vier kleinere Pagoden – wird der Blick auf die Albrechtsburg und den Dom von Meißen fallen und so die Freundschaft der Porzellanzentren bezeugen.

Jens Wonneberger stammt aus der sächsischen Gemeinde Ohorn und lebt in Dresden. Seit 1992 ist der Schriftsteller Literaturredakteur des Stadtmagazins SAX. Wonneberger ist Verfasser zahlreicher Romane, Erzählungen, Gedichte und Sachbücher. Zuletzt erschien der Roman „Sprich oder Stirb“.