Der Weg zu Olympia 2020 Tina Punzel und Martin Wolfram

K raft, Ausdauer und Disziplin, Schmerz, Tränen und Schweiß - und am Ende: Triumph oder Scheitern. Diesen ewigen Kreislauf durchschreiten Sportler ständig aufs Neue. Warum? Aus Leidenschaft, Motivation und Titelhunger. Auch der Weg zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio führt Sportler durch einen solchen Kreislauf. Wie sie diesen Weg beschreiten, erzählen Dresdner Sportler hier. Dieses Mal im Portrait: Tina Punzel und Martin Wolfram.

07. Januar 2020

An einem Dienstagvormittag werden wir zu einem Gespräch in die Sprunghalle des Dresdner SC eingeladen. Es ist ein trüber Novembertag, als wir die Halle betreten und uns der Trainer Boris Rozenberg begrüßt. Die Wasserspringer sind mitten im Training und zeigen einen beeindruckenden Sprung nach dem anderen. Gespannt schauen wir den Sportlern zu, wie sie Drehungen und Schrauben in einem Sprung verbinden.

Die 1964 eingeweihte und in den letzten Jahren umfangreich sanierte Sprunghalle bietet die perfekten Trainingsbedingungen für die Spitzensportler. Die Abteilung Wasserspringen ist eine der erfolgreichsten im Dresdner SC. Alle vier Jahre können sich die Wasserspringer den Traum von Olympia erfüllen – so auch Tina Punzel und Martin Wolfram 2020.

Nach dem Training suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen. Uns interessiert brennend, wie die beiden Wasserspringer zu so erfolgreichen Sportlern geworden sind. Die 24-jährige Tina Punzel erzählt von ihrer familiären Verbindung zum Wassersport. Ihr Vater sprang für den Dresdner SC, nahm seine Tochter häufig mit in die Halle und schon im Alter von 5 Jahren begann Tina Punzel selber mit dem Wasserspringen. Es bereitete ihr viel Spaß, die ersten Wettkämpfe liefen sehr gut und so entwickelte sich das Wasserspringen zum Leistungssport. „Das merkt man am Anfang gar nicht so richtig.“, sagt die junge Frau.

Martin Wolfram erzählt mit einem Schmunzeln im Gesicht, dass sein Weg hin zum Wasserspringen etwas kurioser verlief. Als kleiner Junge hatte er Angst vor dem Schwimmen und schaffte sein „Seepferdchen“ nicht. Trotzdem fiel er den Sprungtrainern, die neue Talente in der Schwimmhalle sichteten, sofort positiv auf. Angst vor dem Sprung ins Wasser hatte er nämlich nicht. So fing Martin Wolfram mit dem Springen an, entwickelte großen Ehrgeiz und wollte es den gestandenen Sportlern nachmachen. Der 27-jährige erzählt von seinem Glück, dass er mit seinem Vorbild Sascha Klein, einem der erfolgreichsten Turmspringer in Deutschland, trainieren durfte. Das half ihm, selbst ein guter Springer zu werden. So gut, dass er bereits mehrfach sein Ticket für Olympia lösen konnte.

Die größten Erfolge

In ihrer bisherigen Karriere können die beiden Spitzensportler bereits auf viele Auszeichnungen zurückblicken. Ihre größten Erfolge dabei? Für Tina Punzel definitiv der EM-Titel 2013 vom 3-Meter Brett. Allerdings haben zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Erwartungen an sie bestanden. In den folgenden Jahren wuchs der Druck, konstant gute Leistungen zu erbringen. Damit kam 24-Jährige nicht immer zurecht. Deshalb sind die nachfolgenden Medaillen für sie noch viel wertvoller, vor allem der 3. Platz bei der EM 2018.

Martin Wolfram dagegen ist besonders stolz auf seinen Europameistertitel 2015 vom 10-Meter Turm. Im Jahr 2012, bei den Olympischen Spielen, verletzte sich der 27-jährige an der rechten Schulter und wurde operiert. Ein Jahr später folgte eine Operation an der linken Schulter. Durch seinen großen Ehrgeiz gelang ihm bei den Europameisterschaften ein Comeback. Er gewann die Goldmedaille mit der höchsten Punktzahl, die je in Deutschland gesprungen wurde.

Um solche Höchstleistungen zu erbringen, ist viel Training und Disziplin erforderlich. Zwei Mal am Tag wird drei Stunden trainiert. Davon je die Hälfte der Zeit an Land und im Wasser. Beim Trockentraining werden unter anderem auf dem Trampolin die Abläufe und Bewegungen genau geübt, um die Sprünge im Wasser zu perfektionieren. Je näher ein Wettkampf rückt, desto größer ist die Trainingszeit im Wasser. Zusätzlich erfolgt zwei bis drei Mal die Woche ein Training im Kraftraum.

Vorbereitung auf Olympia 2020

Wie sieht jetzt die explizite Vorbereitung auf Olympia 2020 aus? „Trainieren, trainieren, trainieren!“, entgegnet Martin Wolfram. Neben dem Training in der Sprunghalle in Dresden haben die Wasserspringer zahlreiche Lehrgänge mit der Nationalmannschaft. Das Training hat ganz klar Priorität vor Studium und Privatleben. In der Vorbereitungsphase sind vor allem die Qualifikationswettkämpfe für einen Quotenplatz in der deutschen Nationalmannschaft wichtig. Anfang Juni, auf den Deutschen Meisterschaften, wird endgültig entschieden, wer die Plätze für Olympia 2020 besetzen wird.

Motiviert und fokussiert zu bleiben, fällt den beiden Wasserspringern so kurz vor Olympia leicht. Knapp sieben Monate Zeit bleiben den Sportlern noch, sich auf die Olympischen Spiele vorzubereiten. Dabei hat jeder täglich sein ganz persönliches Ziel im Kopf. „Je näher der Wettkampf rückt, desto mehr Spaß macht die Vorbereitungsphase“, sagt Tina Punzel.

Umgang mit Niederlagen und Rückschlägen

Trotz zahlreicher Erfolge gehören auch Niederlagen und Rückschläge zum Leistungssport. „Nur weil es einmal nicht funktioniert hat, sollte man nicht den Kopf in den Sand stecken.“, stellt Tina Punzel fest. Für Martin Wolfram ist es wichtig: ”immer dran zu bleiben.”. Seit den Olympischen Sommerspielen 2012 zwingen ihn langwierige Rückenprobleme immer wieder dazu, mehrwöchige Trainingspausen einzulegen. Mit positiver Einstellung und echter Selbstüberzeugung kämpft sich der Wasserspringer jedes Mal zurück an die Spitze.

Offen erzählt er, dass er 2016, kurz vor den Olympischen Spielen, einen weiteren gesundheitlichen Rückschlag erfuhr. Er vertaute sich einem Psychologen an. Der gab ihm wertvolle Hinweise und stärkte seine mentale Kraft, so dass er mit den beständigen Zweifeln besser umgehen konnte.

Vereinbarung von Profisport und Beruf

Der Profisport nimmt einen großen Teil des Alltags der beiden ein. Tina Punzel und Martin Wolfram schlossen ihre Schulausbildung erfolgreich an einer Sportschule ab.  Am Ende der Schulzeit stand für Tina Punzel fest, dass sie weiter springen möchte. Doch genauso wichtig ist ihr ein zweites Standbein: das Studium der Wirtschaftswissenschaften an der TU in Dresden. Nach ihrer aktiven Karriere möchte sie neue Dinge ausprobieren. Die Entscheidung, ob sie den 4-Jahres-Zyklus bis zur nächsten Olympiade noch einmal durchläuft, hält sie sich noch offen.

Martin Wolfram konzentrierte sich nach seiner Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe komplett auf den Sport. Derzeit absolviert er außerdem eine Weiterbildung zum Trainer. Nach seiner aktiven Laufbahn möchte er seine Leidenschaft für das Wasserspringen an die nachfolgende Generation weitergeben und definitiv dem Sport treu bleiben.

Am Ende unseres Gespräches erzählen uns Tina Punzel und Martin Wolfram, was ihre Heimatstadt Dresden für sie, neben den großartigen Trainingsbedingungen, so besonders macht. Beide sind sich einig: Dresden ist eine wunderschöne Stadt. Nicht zu groß, nicht zu klein und für jeden ist etwas dabei. Durch die Vielfalt der Stadt findet jeder einen Ort, an dem er sich wohlfühlt. Ihr Lieblingsort? Auch in diesem Punkt sind die Beiden sich einig: das Elbufer. Beide waren schon viel in der Welt unterwegs, doch immer wieder zieht es sie in ihre Heimatstadt zurück.