In Dionysos’ Geiste Wandertheater und Weinfest in Radebeul

R adebeul feiert dreifach: den Herbst, den Wein und das Theater. Vom 27. bis 29. September findet das Herbst- und Weinfest mit dem Internationalen Wandertheater-Festival statt. Wein und Spiele also – diesmal unter dem Motto „Jugendträume“

19. September 2019

„Die Gesetze der Zivilisation waren ausgesetzt“, erklärt Helmut Raeder. „Dionysos und die wilden Spiele ihm zu Ehren waren erste theatralische Aktionen.“ Dionysos, auch Bacchus genannt, ist der Gott des Weines. Wenn er feierte, hieß das: Maskerade, Regelbruch und antike Anarchie.

Denn Wein und Theater gehören zusammen. Das gilt auch in Radebeul im nordöstlichsten Weinbaugebiet Deutschlands. Auch hier wird jedes Jahr im Herbst der Alltag für ein Wochenende zu den Akten gelegt.

 

Festumzug über den Dorfanger
Festumzug über den Radebeuler Dorfanger.

 

Zum einen feiern die Radebeuler die Weinlese. Der Federweißer, dieser süße junge Wein, ist schon angesetzt. Und zum anderen ist es ein Wochenende für Kunst, Clowns, Musiker und Schauspieler. Unter Helmut Raeders künstlerischer Leitung gehört zum Herbst- und Weinfest seit 1996 auch das Internationale Wandertheaterfestival. Die Stadt und ihre Straßen werden zu Bühnen – ganz in Dionysos’ Geiste.

Das Festival sei, sagt Raeder mit einem Seitenhieb auf die Stadttheater, „nicht unbedingt nur für Theaterspezialisten. Wobei die natürlich auch willkommen sind. Dann sehen sie, wie man es schafft, so viele Menschen zu erreichen und sie emotional und intellektuell zu bewegen.“

Zwischen all den Ständen mit regionalen Spezialitäten ist Raum für etwa 60 Aufführungen. Das Fest in Radebeul lockt jährlich an drei Tagen 50 000 Besucher an. Diese erwartet Zeit- und Zivilisationskritik, Charme, Esprit, viel Musik und Improvisationstalent mit Theatertruppen aus der ganzen Welt. „Jugendträume“ ist das Motto in diesem Jahr.

 

Das Nest verlassen

Am Freitag wird – das ist gute Tradition – das Festival zwar vom Weingott persönlich eröffnet. Aber schon bei der ersten Aufführung erobern die Jungen die Bühne. Die Werkstatt der Landesbühnen Sachsen zeigt mit Darstellern zwischen zehn und zwölf Jahren das Stück „Ich bin so frei“. Frech, pubertär und energiegeladen geht es darin darum, wie man sich zwischen Schule und Elternhaus die eigenen Freiräume erobern kann.

Oder wie man sich von Touchscreen-Arthrose und Bildschirmzwängen befreit. Das zeigt jedenfalls die JuWie Dance Company mit ihrer Performance „Public Viewing“. Daneben gibt es mit „Liebe Knall Yoga All“ einen Abgesang auf die Selbstbezogenheit.

Und die französische Kompagnie Adhok verlässt buchstäblich „Das Nest“. Denn so heißt diese Inszenierung, die ganz ohne Worte auskommt und dabei erzählt, wie der Abschied vom Elternhaus sich anfühlt. „Halten sie Stand, bekommen sie Wind unter den Flügeln oder wirft der Sturm des Lebens sie um?“, fragt sich Raeder. Das Leben bietet Schönheit und Widrigkeiten. Man muss sich nur darauf einlassen.

 

Bis Sonntag herrscht fast durchgängiger Spielbetrieb. Zum Festivalkonzept gehört auch eine gute Portion Demokratie. Die Besucher dürfen bei jeder Aufführung Punkte hinterlassen. „Das Versprechen gilt: Was euch am besten gefallen hat, laden wir wieder ein“, so der Künstlerische Leiter.

In diesem Jahr heißt das, dass der kanadische Clown Dado zurückkehrt, der im vergangenen Jahr mit seinem ganz besonderen Witz und verblüffenden Zaubertricks zum Publikumsliebling wurde.

 

Das Theaterkarussell dreht sich jedes Jahr

Die Show geht immer weiter

Überhaupt haben sich seit dem ersten Festival Traditionen eingespielt. Zum Beispiel das Theaterkarussell mit Georg Traber und Livekapelle. „Ich will wenigstens einmal im Jahr Karussell fahren, und das geht nur beim Wandertheaterfestival“, fasst Raeder ein Dilemma des Erwachsenseins zusammen. Wenn sich das Karussell dreht, dann muss man sein Weinglas gut festhalten.

Für das große Finale ist jedes Jahr Richard von Gigantikow unverzichtbar. Der Konzeptkünstler betreibt in Radebeul das surreal-rätselhafte Lügenmuseum. Auch beim Wein- und Herbstfest führt er in die Irre: Er hat ein Labyrinth aus Holz, Abfall und Naturmaterialien errichtet – ein Sinnbild für die Flüchtigkeit der Kunst. „Das wird symbolisch abgefackelt“, sagt Raeder und korrigiert sich sofort: „nein, nicht symbolisch. Das Festival geht ja tatsächlich in Flammen auf, um im Jahr darauf umso schöner aus der Asche wieder aufzuerstehen.“

 

Das Finale Grande: Richard von Gigantikows Labyrinth geht in Flammen auf.

Herbst- und Weinfest Radebeul / Internationales Wandertheaterfestival
27 bis 29. September 2019
weinfest-radebeul.de