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Sächsischer Jakobsweg: Pilgern von Dresden nach Grumbach

Auf der Suche nach Ruhe und Natur

Jakobsweg Sachsen
Herrliche Ausblicke, frische Luft, Weinberge, Ruhe: Pilgern auf dem Sächsischen Jakobsweg verändert, sagen viele. Foto: Sandra Neuhaus

Weinberge, idyllische Täler und jede Menge Kirchen: Der Sächsische Jakobsweg führt direkt durch Dresden. Wir sind ihm ein kleines Stück gefolgt.

Es gibt diese Sehnsucht nach Ruhe. Einem Weg zu folgen, ohne ständig aufs Handy zu schauen. Was brauche ich eigentlich? Was macht das Laufen mit einem? Wann werden die Füße wehtun? Um das herauszufinden, pilgere ich auf dem Jakobsweg, mit einem Rucksack auf dem Rücken und meiner Hündin Cuja an der Leine. Wir starten an der Hofkirche in Dresden.

„Moment“, werden Sie nun womöglich sagen, „der Jakobsweg ist doch in Spanien“. Stimmt, dort sind die berühmtesten Jakobswege, der Camino Francés etwa oder der Camino del Norte. Tatsächlich aber gibt es in Europa ein ganzes Netz an Jakobswegen.

Jakobsweg Sachsen
Autorin Kirsten Niemann und Hündin Cuja. Foto: Sandra Neuhaus

Der Jakobsweg in Sachsen wird immer beliebter

„Jakobswege beginnen immer dort, von wo aus man losläuft. Also vor der eigenen Haustür“, meint Heinz-Werner Lehmann. Er ist Vorstandsvorsitzender des Vereins Sächsischer Jakobsweg an der Frankenstraße. Dass die meisten Menschen gar nicht wissen, dass es den Sächsischen Jakobsweg überhaupt gibt, ist der Verein zu ändern bemüht. Mit Schildern, dem Pilgerausweis und Dokumenten, die Stempelstellen und Unterkünfte Listen.

Jakobsweg Sachsen
Immer wieder auf der Strecke finden sich Stempelstellen, an denen sich Pilger für ihren Pass holen. Foto: Verein Sächsischer Jakobsweg

Mit dem Pass dokumentieren die Pilger nicht nur ihre Reise. Er berechtigt sie auch, in einer der günstigen Unterkünfte einzukehren. Wer die 3.121 Kilometer bis Santiago de Compostela durchhält und dort das Dokument vorzeigt, erhält die Compostela, so heißt die berühmte Pilgerurkunde.

Meine Route ist um Längen kürzer. Der von mir gewählte Abschnitt beginnt im Herzen Dresdens und führt mich über 19 Kilometer bis nach Grumbach. Ich umrunde die Dresdner Hofkirche mehrmals, bis ich im Durchgang zur Schloßstraße auf den ersten Wegweiser stoße: die gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund. Wer das Symbol aus Galizien kennt, wird sich wundern. Während man dort den Strahlen folgt, läuft man hier in die entgegengesetzte Richtung. Wir verlassen die Innenstadt in südwestlicher Richtung.

Jakobsweg Sachsen
Der Sächsische Jakobsweg an der Frankenstraße zweigt in Bautzen bei der Hammermühle von der Via Regia ab und führt auf etwa 300 km über Bischofswerda, Dresden, Freiberg, Chemnitz, Zwickau und Oelsnitz/V. nach Hof. Karte: Verein Sächsischer Jakobsweg

Pilgern in Sachsen heißt Ruhe und Besinnung

In der Jakobsgasse, wo im 15. Jahrhundert das Jakobshospital mit einer dem heiligen Jakob geweihten Kapelle stand, finden sich heute nur noch Wohnblocks der Nachkriegszeit. Auf dem Grünzug an der Weißeritz, einem Elbe-Zufluss, sind nur wenige Leute unterwegs. Kaum zu glauben, dass dieser Bach bei dem Hochwasser vor 20 Jahren mehrere Stadtteile verwüstet hat. An begrünten Radwegen vorbei führt der Jakobsweg durch ein Industriegebiet.

„Früher liefen die Pilger auf alten Handelsrouten. Man traf sich an Sammelstellen und ist gemeinsam weitergegangen“, sagt Heinz-Werner Lehmann. Er hatte noch gewarnt, nicht alle Ecken seien idyllisch, und riet mir zum Abkürzen. Aber ich nehme den Weg, wie er ist. Aus Maschinenhallen dröhnen Gehämmer und Schweißgeräusche. Lastwagen rollen vorüber. Irgendwann stehen Cuja und ich wieder an der Weißeritz vor einem Obststand.

Ich greife nach einem Apfel. Der Händler lächelt. „Sie pilgern?“ – „Ja, heute bis Grumbach.“ Ich suche nach Kleingeld. Der Mann schüttelt den Kopf. „Schenke ich Ihnen.“ So fühlt sich Pilgern gut an. Dresden liegt hinter uns, der Weg bekommt etwas Meditatives. „Sie werden über weite Strecken keinem Menschen begegnen“, hatte mir Heinz-Werner Lehmann gesagt. Wie recht er hat.

Der Jakobsweg in Sachsen bietet immer wieder herrliche Aussichten

Wir laufen am Ufer der Weißeritz entlang, durch ein Wäldchen bis nach Altplauen, lassen uns treiben. Als wir unter einer Autobahnbrücke stehen, auf die wir eigentlich von oben herabschauen sollen, unterdrücke ich den Impuls, das Handy auszupacken. Wir kehren um und finden doch noch den Jakobsweg zur Begerburg, nach Dölzschen hinauf. Oben wartet ein freier Blick rüber nach Freital.

Herrlich! Auf dem Weg nach Pesterwitz genießen wir grandiose Ausblicke nach Norden auf das Elbtal bis nach Dresden. Aus westlicher Richtung streckt sich schon der 40 Meter hohe Turm der neogotischen Jakobuskirche von Pesterwitz in unsere Sicht. Da wollen wir hin.

Über Hügel und Pfade nach Grumbach

Wir stehen vor liebevoll sanierten Fachwerkhäusern, einem ehemaligen Rittergut und einem Hofladen. Auf dem Friedhof hinter der St. Jakobuskirche gibt es für Pilger, die sich nicht gruseln, zwischen Grabsteinen zu übernachten, Deutschlands einzige Friedhofsherberge. Berühmt ist der Freitaler Stadtteil jedoch für seinen Wein. Seit dem 16. Jahrhundert wachsen auf dem fruchtbaren Lößboden Müller-Thurgau, Bacchus und die Scheurebe. Eine Besenwirtschaft lockt zur Weinprobe. So ein Schoppen wäre schon nett, aber dafür ist es noch zu früh. Ich hole Kaffee und Stullen für mich und Leckerli für Cuja aus dem Rucksack.

Jakobsweg Sachsen
Ein guter Spot für eine Rast: Der Kirchhof in Pesterwitz bietet freie Sicht auf die Gipfel des Osterzgebirges. Foto: Sandra Neuhaus

Noch zehn Kilometer bis Grumbach. Wir laufen über Hügel und schmale Pfade durch Kohlsdorf und an den Ortschaften Wurgwitz, Niederhermsdorf und Kesselsdorf vorbei. Eine schwarze Katze kreuzt unseren Weg, Cuja fetzt hinterher. Keiner hat es gesehen, Gott sei Dank! Die Beine werden schwer und die Muscheln seltener. Ob wir noch richtig sind?

Das Ende der Reise

Auf müden Füßen erreichen wir Grumbach, wo in der unscheinbaren Kirche das Highlight der Tour wartet: Eine barocke Kassettendecke erzählt auf 96 Tafeln die biblische Geschichte nach. Bald schmerzt auch der Nacken. Es wird Zeit für unser Quartier auf dem denkmalgeschützten Röthighof. Hier leben fünf Menschen, ein paar Hühner und vier Katzen. Mit Cuja an der Leine sinke ich in einen Sessel und nippe am Schaumkaffee, den Martina mir hinstellt.

„Das Pilgern macht etwas mit den Menschen“, sagt die Gastgeberin, die schon viele Wallfahrer und Sinnsuchende beherbergt hat. Sie erzählt von einem Investmentbanker, der seinen Job geschmissen hat. Der Sächsische Jakobsweg ist immer noch ein Geheimtipp unter den Pilgerstrecken. Auch wenn man nach der Tour nicht gleich sein Leben ändert: Man kommt zur Ruhe. Vor meinen Füßen döst Cuja, die Jägerin. Nicht einmal die Katzen bringen sie aus dem Konzept. Zumindest für den Moment.

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