Zukunftsräume Abstrakt-konstruktive Kunst im Albertinum

B etrachtet man Dresden, fällt zunächst die barocke Pracht ins Auge. Doch ein zweiter Blick lohnt sich: In den 1920er-Jahren war die Stadt auch Anziehungspunkt für moderne Kunstbewegungen, wie die Ausstellung „Zukunftsräume. Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932“ im Albertinum zeigt.

11. April 2019

Das Bauhaus, der russische Konstruktivismus und die niederländische De-Stijl-Bewegung setzten konsequent fort, was unter anderem mit dem Kubismus begonnen hatte: den Abschied vom Gegenständlichen und die Hinwendung zu klaren Formen. Mit ganz neuen Vorstellungen von Harmonie und Ästhetik, von Farb- und Raumgefühl, waren diese Bewegungen geradezu revolutionär.

In Berlin waren sie natürlich präsent, ebenso in Frankfurt am Main, in Weimar und Dessau. Dass aber auch Dresden ein zentraler Ort für nicht-gegenständliche Kunst gewesen ist, kann überraschen. Zu präsent waren hier in den 1920er-Jahren Neue Sachlichkeit und Spätexpressionismus, zu hell strahlte vor allem das barocke Erbe.

Ausstellungsansicht "Zukunftsräume". Im Bild: "Komposition mit Rot, Blau und Gelb" von Piet Mondrian.

Mit der Ausstellung „ Zukunftsräume. Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932“ beleuchtet das Albertinum eine weitgehend unbeachtete Seite der Stadt. Dresden war „traditionsgesättigt“, schreiben die Kuratorinnen: einerseits auf seine Vergangenheit fokussiert, andererseits hungrig nach Neuem.

Besonders eine kleine Gruppe aus Galeristen, Kunstsammlern, Forschern, Förderern und Politikern war auf den Geschmack gekommen. Dieses Netzwerk bezeichnete Bauhausmeister Oskar Schlemmer als „wohltemperierten Zirkel“. Dresden bescheinigte er einen „guten Qualitätskunstboden“.

Ansicht der Ausstellung.

Wie war es wohl, damals diese radikal neue Kunst zu sehen, diesen Boden unter seinen Füßen zu spüren? Das Albertinum gibt Antworten auf diese Fragen. Mit einer überwältigenden Menge an Leihgaben internationaler Museen und privater Sammler werden die Ausstellungen der 1920er-Jahre auf engem Raum wieder zum Leben erweckt.

Man blickt auf eine Wand, die direkt einem damaligen Dresdner Ausstellungsort nachempfunden ist: Die Räume der Galerie Neue Kunst Fides wurden vom Bauhausmeister Hinnerk Scheper gestaltet. Künstler wie Lyonel Feininger und László Moholy-Nagy waren dort zu sehen, letzterer mit einer wegweisenden Einzelausstellung.

Nachbau von El Lissitzkys "Raum für konstruktive Kunst".

Man sieht zudem ein originalgetreu rekonstruiertes Kernstück der Dresdner Internationalen Kunstausstellung von 1926: Der russische Architekt El Lissitzky hat dort einen eigenen „Raum für konstruktive Kunst“ geschaffen, der ganz gezielt mit der Aufmerksamkeit und den Sehgewohnheiten seiner Besucher spielt.

Auch Piet Mondrian, der für seine geometrischen Bilder berühmte niederländische Künstler, entwarf einen solchen „Zukunftsraum“. Für die Dresdner Sammlerin und Mäzenatin Ida Bienert, bei der Künstler wie Kokoschka und Klee ein- und ausgingen, gestaltete er ein Interieur. Dieses wurde jedoch nie in der Villa der Familie verwirklicht und blieb ein Entwurf.

Piet Mondrian, Farbentwurf für den Salon der Ida Bienert (Axonometrie I), 1926 Deckfarben, Tusche, Bleistift, 37,6 x 56 cm, Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

Nun kann man den Raum, mehr als 90 Jahre später, im Albertinum sehen und betreten.

Der Wiener Künstler Heimo Zobernig hat Mondrians Raum in einer eigenen Interpretation neu aufgebaut. Als „räumliche Aneigung“ hat er den Entwurf von 1926 buchstäblich von innen nach außen gekehrt.

Auf diese Weise wird im Dresdner Albertinum nicht nur Geschichte rekonstruiert und vom alten Neuen erzählt – sondern auch ganz konkret daran gearbeitet.

Zukunftsräume. Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932  ist vom 2. März bis 2. Juni 2019 im Albertinum, Tzschirnerplatz 2, 01067 Dresden, zu sehen.