Luxus-Handwerkskunst aus Dresden

D ie Deutschen Werkstätten Hellerau waren eine Ikone der Designgeschichte. Trotzdem sind sie beinahe zugrunde gegangen. Ihre Geschichte erzählt von der Notwendigkeit, sich treu zu bleiben - indem man sich neu erfindet.

Text: Peter Laudenbach

Als Fritz Straub die Deutschen Werkstätten 1992 übernahm, hatte das Traditionsunternehmen eine große Geschichte, sehr gut ausgebildete Leute – und keine Kunden. Die Möbel der Deutschen Werkstätten, vor dem Mauerfall in der DDR hoch begehrt, fanden keine Käufer mehr. Dabei war das 1898 gegründete Unternehmen eine Ikone der Design- und Industriegeschichte. Aber nach der Wiedervereinigung hatte es als Möbel-Produzent keine Chance gegen die Konkurrenz der ungleich größeren internationalen Hersteller.

Dass heute 200 Handwerker, Designer und Innenarchitekten am Stammsitz in Dresden arbeiten, ist ein kleines Wunder. 50 weitere Mitarbeiter sorgen in Russland, England, Frankreich, der Schweiz, den USA, Asien und den Vereinigten Arabischen Emiraten für stabile Umsätze. Aus dem Problemfall ist ein hochinnovativer Mittelständler geworden.

Der Weg dahin ist die Geschichte eines Unternehmens, das sich gleichzeitig treu geblieben ist und neu erfunden hat.

Die Deutschen Werkstätten in Hellerau sind seit ihrer Gründung 1898 für ihre Handwerkskunst berühmt. 1992 wurden sie reprivatisiert und stehen heute mit 240 Mitarbeitern für hochwertigen Innenausbau

Das Abenteuer

Fritz Straub, der neue Geschäftsführer und Investor, war ein Seiteneinsteiger ohne Vorkenntnisse in der Möbelbranche. Als er 1992 nach Dresden kam, wollte er noch einmal etwas Neues beginnen. Es wurde ein großes Abenteuer – und über zweieinhalb Jahrzehnte ein Lernprozess für das gesamte Unternehmen.

Heute sind die Deutschen Werkstätten auf handwerklich ambitionierte Einzelanfertigungen spezialisiert, zum Beispiel den Innenausbau von Luxus-Yachten. Oder: die Inneneinrichtung von privaten, mehrere Tausend Quadratmeter großen Wohnpalästen. Die Kunden sind anspruchsvoll: Milliardäre, Oligarchen, Potentaten aus der arabischen Welt, aber auch deutsche Unternehmerfamilien.

„Wir verhandeln meistens nicht mit Einzelpersonen, sondern mit einem Mitarbeiterstab. In der Regel entscheidet sich der Kunde für einen renommierten Designer. Wir sind Dienstleister im Hintergrund“, erklärt Straub.

Nichts davon war absehbar, als er das Unternehmen übernommen hat. Was ihn von Anfang an an den Deutschen Werkstätten interessierte, war eine kleine Abteilung mit einigen der besten Handwerker der DDR. Ihr Spezialgebiet: der Innenausbau von Repräsentationsbauten wie der Semperoper. Straubs erste Entscheidung war es, sich von der Möbelherstellung zu trennen. Der Kern des neuen Unternehmens sollte der Innenausbau werden.

Um ein Referenzprojekt vorweisen zu können, unterbot Straub 1993 bei der Ausschreibung für den Bau einer Akustikwand im Sächsischen Landtag die Mitbewerber. Er wusste, dass er mit dem Auftrag ein Defizit von 100.000 DM erwirtschaften würde. Aber auch Aufmerksamkeit, Respekt in der Fachwelt und die Chance, bei Ausschreibungen zumindest öfter vorgelassen zu werden.

Der Innenausbau des Sächsischen Landtags mit der dreidimensional gekrümmten Wand zwischen Plenarsaal und Foyer stammt von den Werkstätten

Normalzustand: Veränderung

Zum Yachtbau, der heute für einen erheblichen Teil des Umsatzes sorgt, kamen die Deutschen Werkstätten eher ungeplant. Für die Deutsche Bahn bauten sie Ende der Neunzigerjahre die edle Innenausstattung des „Metropolitan“. Er sollte zur Luxus-Variante des neuen ICE 3 werden.

Die Dresdner entwickelten hochstabile Furnier-Trägerplatten und eine neue Oberflächenbehandlung. Ihre ICE-Wohnzimmer mussten Schwingungen dämpfen, Brandschutzbestimmungen genügen und schnelle Beschleunigungen aushalten. Zwei der Luxus-ICEs wurden ausgeliefert. Dann votierten die DB-Controller gegen die Serienfertigung, die „Metropolitan“-Pläne wurden beerdigt.

Das ICE-Kapitel sorgte für rote Zahlen, aber es hatte auch Expertise im Unternehmen aufgebaut. Das führte zum nächsten logischen Schritt: edelstes Interieur für bewegte Räume auf höchstem Niveau. Anspruchsvoller und kostenintensiver als bei Luxus-Yachten geht es im Innenausbau nicht. Die Deutschen Werkstätten kämpften sich in die Nische vor, von der sie heute leben.

Eines der größten Auftragsvolumina für den Innenausbau eines einzigen Schiffs lag bei stolzen 23 Millionen Euro. Einer der prominenten Kunden verlangte gar den Einbau eines kompletten professionellen Tonstudios. Das soll natürlich auch bei voller Fahrt auf hoher See präzise funktionieren. Das umzusetzen, man kann es sich vorstellen, war technisch nicht ganz unkompliziert.

„Wir leben davon, dass wir Dinge können, die andere nicht können. Und wenn wir sie nicht können, lernen wir sie“, sagt Straub.