NU GUCKE MA DA! Mit Brotsommelier Chris Jentzsch die Liebe zum Brot entdecken

Der Podcast, um Dresden Elbland zu erleben.

Henriette Fee-Grützen steht neben Brotsommelier Chris Jentsch in seiner Bäckereii hinter einem Brotkorb voller Brötchen und Brote.
Moderatorin und Schauspielerin Henriette Fee-Grützner ist begeistert von der hohen Profession von Brotsommelier Chris Jentzsch. Ihr Lieblingsbrot steht schnell fest: Sieben auf einen Streich. Foto: Sven Döring
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Transkript der Podcastfolge mit Brotsommelier Chris Jentzsch

Henriette Fee Grützner: [Musik] Mhm, so eine leckere Scheibe Brot. Frisches Brot geht einfach immer. Hast du heute schon Brot gegessen? Dann passt das ja perfekt, denn ich habe gleich zum Anfang jetzt eine Quizfrage an dich. Weißt du, wie viel Brot jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr isst? 20 bis 30 Kilo? 30 bis 40 Kilo? Oder sogar 50 bis 60 Kilo? Die Auflösung gibt es auf jeden Fall später hier in der Folge, also unbedingt dranbleiben. Und damit herzlich willkommen zu: „NU GUCKE MA DA!“, deinem Reiseführer für Dresden Elbland. Ich bin Henriette Fee Grützner. Und in jeder Episode treffe ich spannende Menschen mit außergewöhnlichen Berufen hier aus der Region. Und heute nehme ich dich mit ins WUNDERSCHÖNE Meißen. Ich bin mitten in der Altstadt und um mich herum, ah, es duftet einfach nach Brot. Der Ofen ist warm und überall sehe ich knusprige Laibe im Regal. Genau hier treffe ich einen Mann, der sein Handwerk zum Erlebnis macht, einen der ersten Brotsommeliers Sachsens. Herzlich willkommen an dich, Chris Jentzsch von Brot & AEhre.

Chris Jentzsch: Hallo.

Henriette Fee Grützner: Hallo. [lacht]

Chris Jentzsch: [lacht]

Henriette Fee Grützner: Und du hast auch hier natürlich was vorbereitet. Ich konnte mich gar nicht entscheiden, als ich reingekommen bin. Jedes Brot sieht einfach super lecker aus. Ungewöhnliche Sorten. Sprechen wir gleich darüber. Aber hier tatsächlich habe ich schon das Erste. Wir sitzen, das muss man dazu sagen, jetzt aber nicht in deiner Backstube, sondern wir sitzen im Bistro Brotzeit.

Chris Jentzsch: Richtig, im Bistro Brotzeit. Das ist ein Teil von uns, von Brot & AEhre. Wir haben die Idee gehabt, hier im Bistro zu zeigen, was Brot kann. Haben viele Gerichte mit Brot. Dreht sich eigentlich alles darum. Und unser Brot begleitet so manche Speise.

Henriette Fee Grützner: Also, bei Brot & AEhre gibt es nicht nur Brot zu kaufen, sondern man kann hier auch direkt das Brot verköstigen mit Leckereien obendrauf. Jetzt muss ich, bevor ich koste, noch mal fragen, Weinsommelier kennt jeder, aber was genau ist eigentlich ein Brotsommelier?

Chris Jentzsch: Ja, so viel unterscheiden die sich gar nicht. Der Brotommelier weiß natürlich viel über Brot, ein bisschen mehr als vom Wein.

Henriette Fee Grützner: [lacht]

Chris Jentzsch: Aber er beschreibt in erster Linie Brot, damit sich der gegenüber, der Kunde oder der Gesprächspartner, was darunter vorstellen kann von den Aromen, die man beschreibt, oder von der Form, von dem Inhalt.

Henriette Fee Grützner: Also ich kann mir das vorstellen, wie so ein Experte zum Thema Brot.

Chris Jentzsch: Richtig. Ja.

Henriette Fee Grützner: Genau. So. Und jetzt kosten wir mal. Mhm, SEHR knusprige Kruste. Ich schmecke die Kürbiskerne. Die sind ziemlich dominant. Schmeckt super. Ganz frisch. Lecker. Aber wahrscheinlich würdest du das ganz anders beschreiben. Koste du mal ein Stück von deinem Brot. Und jetzt wollen wir mal gucken, ob du das ähnlich wie so ein Wein Sommelier: „Im Abgang schmecke ich Kürbiskern.“

Chris Jentzsch: Ich schmecke viele Dinge, viele Aromen, viele Saaten, Ölsaaten, getreidig. Das Mundgefühl ist auch wichtig, ja? Also eine durchdringende Feuchte macht sich in meinem Mund breit. Aber die Aromen überwiegen natürlich.

Henriette Fee Grützner: Super spannend. Ich habe noch nie jemanden beobachtet, der so Brot beschreibt und isst. Und sage mal Chris, wenn du unterwegs bist, auch mal woanders Brot kaufst, kostest du das dann auch so? Ist es für dich auch ein Erlebnis nach wie vor?

Chris Jentzsch: Absolut. Also, das ist immer gesetzt bei uns, wenn wir unterwegs sind, dass wir uns immer einen Bäcker suchen, wo wir erst mal schauen, ne? Auch vielleicht um auf neue Ideen zu kommen. Aber natürlich auch, um das Brot zu sehen und zu schmecken.

Henriette Fee Grützner: Hm [bejahend].

Chris Jentzsch: Und dann machen wir uns immer ein, ein Bild darüber. Es ist immer ganz spannend. Ja. Und es gibt viele tolle Brote in Deutschland, wenn man unterwegs ist.

Henriette Fee Grützner: Also alleine, wenn man jetzt hier bei dir isst. Ich gehe auch gerne mal zum Bäcker. Brot ist nicht gleich Brot. Und wir werden heute auch, und das kann ich schon verraten, das Brotimage mal wirklich unter die Lupe nehmen. Da freue ich mich sehr und bin sehr gespannt, was du uns dazu zu erzählen hast. Noch mal zurück zum Sommelier. Was genau ist denn ein Brotsommelier? Was unterscheidet den vom Bäckermeister?

Chris Jentzsch: Also, das setzt voraus, dass ich Bäckermeister bin. Ja? Also, wenn ich Brotsommelier werden will, muss ich natürlich vorher Bäckermeister sein oder im Verkauf einer Bäckerei eine leitende Funktion haben. Dann kann ich auch Brotsommelier werden. Und das sind so die Grundlagen, damit man positiv über Brot sprechen kann. Damit man alle Eindrücke weiß, auch ein paar Hintergründe weiß. Und für uns geht es eben immer darum, ein Brot POSITIV darzustellen. Also, jedes Brot hat seine Eigenheiten, die irgendwo immer positiv sind, ne? Auch wenn es jetzt mir persönlich vielleicht nicht schmeckt, aber es gibt ja viele Eigenschaften, die ein Brot haben kann, Krumeneigenschaften, Elastizität, Krusteneigenschaften, Rösche, Aromenvielfalt und so weiter, Mundgefühl.

Henriette Fee Grützner: Ich habe mir noch nie so viele Gedanken über Brot gemacht. Super spannend, was du erzählst. Und warum ist das bei dir das Brot geworden? Also, man hätte ja auch vielleicht Kuchensommelier werden können. [lacht]

Chris Jentzsch: [lacht] Das war für mich schon von Beginn an ein Steckenpferd.

Henriette Fee Grützner: Hm [bejahend].

Chris Jentzsch: Ich liebte es schon immer, Brot zu backen. Und mit dieser Ausbildung konnte ich dann halt den i-Punkt setzen.

Henriette Fee Grützner: Lass uns doch ruhig noch mal einen Schritt zurückgehen. Mich interessiert natürlich, wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, Bäckermeister, Brotsommelier, also in die Richtung zu gehen?

Chris Jentzsch: Ja, das hat in meiner Jugend begonnen. Aus der Familie heraus war es untypisch für mich, Bäcker zu werden. Ja? Aber mein Vater hat mich irgendwann gepackt und gesagt … Weil ich so unentschlossen war, was ich lernen wollte. Und im, im Gespräch mit meinem Vater kam es eben heraus. Der mich ein bisschen geschubst hat und gesagt: „Das für dich wäre eigentlich, Bäcker, das Richtige. Du backst ja gerne zu Hause und stellst dich da auch nie ungeschickt an.“ Und ja, so bin ich dazu gekommen, mich als Bäcker eben zu bewerben.

Henriette Fee Grützner: Spannend finde ich ja die Backstube. Brot und AEhre gibt es ja noch gar nicht so lange hier in Meißen. Wirklich super Lage mitten in der Altstadt. Ich bin kaum reingekommen, so viele [lacht] Leute standen an. Das ist schon verrückt. Wenn ich überlege, der eine oder andere macht zu, aus vielen Gründen und ihr habt aufgemacht. Wie bist du auf die Idee gekommen, zu sagen: „So, ich mache eine eigene Backstube auf.“

Chris Jentzsch: Während Corona haben wir einen Holzbackofen gebaut in unserem Garten und dann monatlich einmal gebacken. Und aus dieser Sache heraus … Weil viele Freunde, Bekannte und dann später auch Fremde immer bei uns Brot geholt haben, ne? Aus dieser Sache heraus ist dann die Idee gewachsen, sich noch mal zu verändern. Und das haben wir dann vor zweieinhalb Jahren gemacht. Im März 2023 haben wir hier in der Altstadt die Bäckerei eröffnet. Ganz blauäugig damals. Also, wir hatten nie gedacht, dass sich das so entwickelt. Ja? Und wir mussten natürlich die ganzen Schritte, die es bedarf, ziemlich zügig gehen, um letztendlich den Anforderungen, ja, der Kunden nachzukommen und immer gutes und ausreichend Brot zu backen.

Henriette Fee Grützner: Ja. Und jetzt muss man auch noch mal sagen, ihr habt eine ganz besondere Backstube. Man kann dir nämlich zugucken, dir und deinen Kollegen beim Backen.

Chris Jentzsch: Richtig. Wir haben eine kleine Schaubäckerei. Und je nach Sichtweise … Meine Frau sagt immer: „Wir haben die Backstube im Laden.“ Und ich sage: „Wir haben den Laden in der Backstube.“

Henriette Fee Grützner: Wenn du Brot machst, wenn du backst, wie viel Wert legst du auf regionale Produkte, Mehl und so weiter? Weil, sind wir ehrlich, wenn man Brot kauft, ganz oft wissen wir eigentlich gar nicht, was drinnen ist und wo es herkommt, oder?

Chris Jentzsch: Das ist richtig. Also, viele von den Kunden, denen ist wichtig, dass sie wissen: „Wo beziehen wir unsere Ware her? Wo beziehen wir unser Mehl her?“ Ja? Zum Beispiel, das Mehl malt uns eine alte Mühle. Die ist hier im Triebischtal, am alte Handwerkskunst. Und die beziehen halt ihr Getreide aus der Region um Wilsdruff und Klipphausen. Also, es ist alles ganz nah, so um die 20 Kilometer. Die lagern das Getreide dann ein und mahlen das so, wie der Bäcker das bestellt. Ja? Genau. Und dann haben wir noch eine Mühle. Aus Dresden ist die.

Henriette Fee Grützner: Hm [bejahend].

Chris Jentzsch: Die nutzen wir für unsere Baguettes und Brötchen. Diese Mühle kommt aus der Lommatzscher Pflege, also aus meiner Heimat. Und darauf legen wir Wert, dass alles regional gekauft wird.

Henriette Fee Grützner: Ich habe mal gehört … Bitte korrigiere mich, wenn das falsch ist. Aber ich habe mal gehört, dass es durchaus Bäckereien gibt oder Ketten gibt, wie auch immer sie heißen, da kommen die Backrohlinge von irgendwo. Und eigentlich weißt du nicht, was drinnen ist. Und das ist ziemlich dramatisch für einen Organismus, weil man möglicherweise gar keine Glutenunverträglichkeit hat, sondern seinen Darm im wahrsten Sinne des Wortes zerschießt mit dem Mist, der da drinnen ist. Das klingt jetzt ein bisschen radikal, aber weil ich jetzt einen Experten vor mir sitzen habe, ist da was dran? Und wenn ja, woran erkenne ich denn gutes Brot?

Chris Jentzsch: Ob da was dran ist? Ja, also es ist auf jeden Fall so, dass viele Leute diese Brote eben nicht vertragen. Und was da drinnen ist, das steht meistens auf der Verpackung. Ja? Aber ob das immer alles draufsteht? Ich denke, es gibt auch Kleinstmengen an Enzymen zum Beispiel, die da nicht draufstehen müssen.

Henriette Fee Grützner: Du meinst, auch so Zusatzstoffe, ne? Ja. Ja.

Chris Jentzsch: Zusatzstoffe, genau. Und das ist immer die große Frage. Wenn ich ein verpacktes Brot kaufe, stelle ich mir schon die Frage. Jetzt ich als Bäckermeister, ja, ich will doch eigentlich was anderes sehen. Ich will doch ein LEBENDIGES Brot sehen. Ein Brot, was aufgerissen ist. Ein Brot, was duftet. Ein Brot, wo ich die Aromen, die verschiedenen Farben auf der Kruste sehe. Ja? Und nicht so ein, ich sage mal, einen Ziegelstein, der irgendwo eingepackt ist. Für mich muss ein Brot lebendig aussehen. Dass die Krume von innen nach außen drückt, dass die Kruste aufreißt, sowas. Sowas ist eben das beste Zeichen, dass ein Brot handgemacht ist, dass es lebt. Das sind für mich so die Eigenschaften, die ich als optische Eigenschaften so sagen würde.

Henriette Fee Grützner: Aber trotzdem Thema Konservierungsstoffe, da sollte und darf man ruhig hinschauen. Jetzt sind wahrscheinlich alle verunsichert und denken: „Oh Gott, vielleicht ist das Brot, was ich immer kaufe, gar nicht gut.“ Wie kriege ich das denn raus? Also, würdest du sagen: „Man kann ja einfach beim Bäcker, wo man sein Brot auch immer kauft, wo man nicht weiß, wo das vielleicht gebacken wird und herkommt, einfach mal nachfragen.“?

Chris Jentzsch: Auf jeden Fall sollte man nachfragen. Unsere Verkäufer, die wissen sehr gut Bescheid über die Inhaltsstoffe, über die Verfahrensweise, die wir an den Tag legen. Und wer das nicht weiß, da sollte ich schon erstmal sehr skeptisch werden.

Henriette Fee Grützner: Jetzt wird natürlich das Argument sein von einigen: „Ah, aber dann ist das ja so teuer.“ Jeder muss sparen. Das ist so, ne? Finanziell muss man eben auch gucken. Würdest du das auch raten oder würdest du sagen: „Nee, beim Brot nicht sparen.“?

Chris Jentzsch: Ich sage mal, wenn ich jetzt ein 750 Gramm Brot kaufe, was knapp 5 Euro kostet und ich kriege da 20 Scheiben raus, sind das 25 Cent pro Scheibe. Und ich denke, dass sich das doch jeder leisten sollte. Und auch wenn er das sich nicht immer leisten kann. Aber hin und wieder sollte man schon auf so ein Produkt, wo ich genau weiß: „Wo kommen die Rohstoffe her? Wie ist es gebacken? Wie gehen die Leute damit um? Und wie gefällt es mir letztendlich?“, ja, darauf sollte ich zurückgreifen.

Henriette Fee Grützner: Also, ich könnte da noch stundenlang mit dir darüber sprechen. Aber wir springen mal in die Rubrik KURIOSES. Also, man kann ja auf jeden Fall sagen … Die Zahl habe ich gefunden, korrigiere mich, wenn sie nicht stimmt. Aber es gibt über 3000 registrierte Brotsorten. Was ist das Kurioseste, das du schon mal gebacken und verkauft hast?

Chris Jentzsch: Ja, kurios oder nicht, wir lassen uns immer ganz besondere Namen zu unseren Broten einfallen. Da habe ich drei Beispiele. Also, es sind alle drei Baguettes. Zum einen gibt es bei uns ein Dreikäsehoch mit drei verschiedenen Käsesorten, Gouda, Frischkäse und Elbländer Käsewürfel.

Henriette Fee Grützner: Hm [bejahend].

Chris Jentzsch: Zum anderen haben wir eine Kräuterpfefferhexe. Also, ein Baguette mit gestoßenem Pfeffer, roten Pfeffer, bunten Pfeffer und mediterranen Kräutern.

Henriette Fee Grützner: Lecker.

Chris Jentzsch: Obendrauf eine leichte Knoblauchcreme.

Henriette Fee Grützner: Krass.

Chris Jentzsch: Also, die Geschmacksnuancen sind dort ganz vielfältig und das passt auch gut zu einem Steak oder zu Lachs, ja, wenn man dann grillt. Ja, und das dritte Kuriose oder kurioser Name ist bei uns der scharfe Heinz.

Henriette Fee Grützner: [lacht]

Chris Jentzsch: Das ist ein … [lacht] Das ist ein Baguette, der hat Chorizo und scharfen Paprika innen.

Henriette Fee Grützner: Mhm.

Chris Jentzsch: Und das ist natürlich was Schönes, wenn man abends im Garten sitzt und ein bisschen grillt. Kann man schön dazu essen.

Henriette Fee Grützner: Und was ist das Kurioseste, was es bei euch gibt?

Chris Jentzsch: Wir haben in unserem Bistro ab und zu ein Brotpommes.

Henriette Fee Grützner: Brotpommes?

Chris Jentzsch: Brotpommes. Das ist eine Idee von uns gewesen, dass man sagt, man schneidet Brot in Scheiben, eben in Pommesform dann und würzt das mit Olivenöl, Pfeffer, Salz, Paprika, je nach Wunsch. Ja, und das röstet man dann so, dass es eben fast wie ein Pomme… also, wie eine Pommes aus Kartoffeln schmeckt. Ja.

Henriette Fee Grützner: Das ist ja eine MEGA Idee. Wie sind denn so die Reaktionen? Also, ich habe jetzt gerade im Laden vorne schon gemerkt, dass manche sogar schon kamen und das Brot gab es gar nicht mehr. Aber dass man sich auch gerne beraten lässt. Wie sind denn so die Reaktionen im Laden auf das Brot und was hat dich vielleicht auch am meisten bewegt?

Chris Jentzsch: Also, wir nehmen ganz viele Eindrücke wahr von Kunden, wie überrascht die sind, dass so ein Handwerk hier noch so zelebriert wird, in der Altstadt von Meißen. Und das macht dann Stolz. Ja? Das gibt uns aber auch Aufgaben. Aber so soll das sein. Und was uns besonders immer freut, ist, wenn die Kunden, die den Laden betreten wollen, sich vorher am Schaufenster orientieren, sich dort die Schilder durchlesen mit einer kurzen Beschreibung und wie die Vorfreude wächst, eben in den Laden zu kommen. Das kann man gut beobachten.

Henriette Fee Grützner: Was ist denn so der Bestseller, wo wirklich jeder zugreift?

Chris Jentzsch: Ja, unser Bestseller ist eigentlich die St. Benno Kruste. Ist ein relativ normales Roggenmischbrot mit Roggenvollkornmehl gebacken. Und es lebt natürlich durch diese aufgerissene Kruste, durch diese verschiedenen Krustenfarben, dunkel, hell und leicht bemehlt. Und das macht es halt bei dem Produkt aus.

Henriette Fee Grützner: Was ist denn so ein typisches Brot hier aus der Region Elbland, aber auch Sachsen? Ist das das Roggenmischbrot?

Chris Jentzsch: Das ist hier in Sachsen und Mitteldeutschland, sage ich mal, absolut das Roggenmischbrot. In den meisten Bäckereien heißt es Roggenmischbrot. Und das war mir halt zu langweilig.

Henriette Fee Grützner: Hm [bejahend].

Chris Jentzsch: Ja, ich wollte da einen anderen Namen finden dafür.

Henriette Fee Grützner: Jetzt hast du ja mit den äh Brotpommes schon ein bisschen Inspiration gegeben, was man vielleicht auch mal zu Hause probieren könnte. Generell dieses Brotbacken zu Hause als Trend, findest du das gut oder fühlst du dich da auch so ein bisschen bedroht?

Chris Jentzsch: Fühle ich mich in keinster Weise bedroht. Ich gebe sogar den Kunden, die das möchten, ein Stück Sauerteig mit, dass die zu Hause backen können. Und da gibt es hier und wieder mal die Frage, ob man ein bisschen Sauerteig bekommen kann. Gerne. Ja, also, ich finde das gut. Soll sich jeder zu Hause ausprobieren. Viele kommen dann auch wieder in die Bäckerei und kaufen mal was oder wollen mit mir ein Gespräch führen. Das eine oder andere Mal durchsprechen, was funktioniert hat oder was vielleicht nicht funktioniert hat.

Henriette Fee Grützner: Was wäre denn so dein Tipp für ein einfaches Brot, was man zu Hause selber backen könnte, was nicht so AUFWENDIG ist?

Chris Jentzsch: Ja, ich sage jetzt … Das ist relativ einfach. Ja? Man nimmt ein Mehl seiner Wahl, Roggenmehl, Dinkelmehl, Weizenmehl oder man mischt die Sorten. Gibt Salz dazu, sodass es gut schmeckt. Der Bäcker spricht von zwei Prozent circa, aufs Mehl gerechnet. Ja? Dann … Entweder man hat einen sehr guten Sauerteig, der selber für Hefeleistung, Hefetrieb sorgt, für die Lockerung letztendlich, oder man gibt ein Stück Hefe dazu und breitet dann einen Teig, der nicht so fest ist. Ja? Es soll keine Knetmasse sein. Das soll [lacht] schon ein schöner, weicher Teig sein. Und den formt man aus, entweder in Kastenform oder lässt ihn so als Laib offen liegen und backt ihn dann, wenn er schön gegart ist.

Henriette Fee Grützner: Ja. Und wenn uns jetzt jemand zuhört und sagt: „Oh nee, da traue ich mich nicht ran.“, gibt es hier in der Nähe bei dir oder generell so Brotbackkurse, wo du sagst: „Da kann man ruhig mal sich ausprobieren.“?

Chris Jentzsch: Ja, gibt es. Wir haben selber welche gemacht bis Anfang des Jahres. Und haben aber das jetzt etwas zurückgestellt, weil uns die Arbeit eben ziemlich fordert. Unsere Mitarbeiter sind gut ausgelastet. Und wir, wenn uns jemand fragt, empfehlen eigentlich entweder hier in Meißen die Herzensbäckerei, die gibt Brotbackkurse. Oder dann in Dresden gibt es eine Backschule im Dresdner Backhaus bei meinem Sommelierkollegen Tino Gierig. Dort kann man sich online auch erkundigen, was für Kurse anstehen. Er hat eine ganze Reihe, auch Stollenbackkurse und sowas.

Henriette Fee Grützner: Sehr schöner Tipp. Also, ich merke, dass ich mich ganz inspiriert äh fühle, auch von den ganzen Broten, die ich jetzt bei dir gesehen habe, wie sie auch heißen und wie sie aussehen. Du bist gebürtig aus der Region. Deswegen freue ich mich jetzt mit dir in die Rubrik: „Der halbe Satz.“, zu gehen und mal zu gucken, was du für Tipps für uns hast. Und zwar gebe ich dir einen Satzanfang vor und du kannst ihn beenden, wie auch immer du magst. Wenn Museum, dann …

Chris Jentzsch: Vielleicht die Bienertmühle.

Henriette Fee Grützner: Hm [bejahend].

Chris Jentzsch: Dort gibt es eine alte Handwerkskunst zu sehen, nämlich die Handweberei ist dort noch sichtbar und man kann dort verweilen und zuschauen. Das ist sowas ganz Einmaliges, wie ich finde. Die Bienertmühle verbindet mich natürlich. Als Lehrling habe ich dort das Brotbacken gelernt. Das war vor der politischen Wende, vor 1990. Dort war die Bienertmühle ein Teilbetrieb des Backwarenkombinats in Dresden. Und es standen ganz große Brotanlagen, wo Dresden praktisch mit Brot versorgt wurde. Dort habe ich meine ersten Schritte mit dem Brot gemacht.

Henriette Fee Grützner: Ich weiß gar nicht … Weil ich war da noch nie. Wo ist die denn?

Chris Jentzsch: Die ist in Dresden Plauen an der Weißeritz. War früher eine Hofmühle. Und, ja, wie gesagt, im Sozialismus wurde die dann umfunktioniert zu einer Brotbackfabrik.

Henriette Fee Grützner: Ich unternehme mit der Familie, wenn ich frei habe …

Chris Jentzsch: Wir fahren gerne mit dem Rad. Und zwar wohne ich in Lommatzsch und wir fahren dann in Zehren auf den Elberadweg, dann Richtung Meißen. Man sieht schön die Albrechtsburg. Und dann fahren wir meistens auf der anderen Seite zurück. An dem Hotel Knorre vorbei, am Weingut Jan Ulrich vorbei. Manchmal halten wir auch an. [lacht]

Henriette Fee Grützner: Wollte ich gerade sagen. Kehrt ja auch ein? Das wäre ja verschwendet, wenn nicht.

Chris Jentzsch: Genau. Manchmal halten wir dort auch an und genießen den Wein.

Henriette Fee Grützner: Jetzt kann man ja mal überlegen, wenn man jetzt sagt: „Das klingt nach einer super Tour.“ Und mit dem äh Rad den Elberadweg entlang ist auf jeden Fall eine GROẞE Empfehlung. Wie viel Kilometer sind das ungefähr?

Chris Jentzsch: Ja, also, circa 30 Kilometer.

Henriette Fee Grützner: 30 Kilometer unterwegs. Und dann zwischendurch gerne mal einen Wein.

Chris Jentzsch: Genau.

Henriette Fee Grützner: Apropos Wein. Was mich auch interessiert, harmonieren eigentlich bestimmte regionale Weinsorten mit bestimmten Brotsorten? Also, würdest du sagen, zu dem Brot, was wir jetzt gerade hier … Wie heißt denn das eigentlich, das Brot, was ich gekostet habe?

Chris Jentzsch: Das Brot, was du gekostet hast, heißt Sieben auf einen Streich. Heißt, drei verschiedene Mehlsorten und vier verschiedene Ölsaaten.

Henriette Fee Grützner: Und welchen Wein würdest du denn jetzt dazu empfehlen?

Chris Jentzsch: Also, ich würde hier einen Riesling dazu empfehlen. Der ist schön fruchtig und prickelt. Passt sicherlich gut und holt noch die Aromen aus dem Brot heraus.

Henriette Fee Grützner: Also, es ist wirklich so, dass wenn man den Wein und das Brot dann im Mund, wenn sich das verbindet, dann ergibt das noch mal ein, ein Geschmackserlebnis?

Chris Jentzsch: Absolut. Und Meißen mit der Weingegend ist ja wie gemacht dafür, dass man verschiedene Brotparrings sucht und auch finden kann.

Henriette Fee Grützner: Was isst du denn am liebsten zum Wein, welches Brot?

Chris Jentzsch: Also, ich trinke gerne einen Rotwein.

Henriette Fee Grützner: Hm [bejahend].

Chris Jentzsch: Und bei mir passt absolut gut zusammen, das facettenreiche St. Benno mit einem Spätburgunder.

Henriette Fee Grützner: Wer nach Dresden kommt, der sollte unbedingt …

Chris Jentzsch: Meißen besuchen.

Henriette Fee Grützner: Meißen besuchen. Und lass uns doch noch mal ganz kurz sagen, wer wirklich die Region hier nicht kennt, wo Meißen eigentlich liegt. Es ist circa 25 Kilometer entfernt von Dresden.

Chris Jentzsch: Von Dresden und liegt nördlich von Dresden, zwischen Riesa und Dresden halt.

Henriette Fee Grützner: Und um sich das vorzustellen, das ist für mich mit die schönste Kleinstadt überhaupt, malerisch an der Elbe. Und dann wirklich auch wunderschön umringt von Wein.

Chris Jentzsch: Von Weinbergen. Genau.

Henriette Fee Grützner: Es ist wunderschön.

Chris Jentzsch: Es gibt zahlreiche Winzer, die dieses Handwerk auch wieder entdeckt haben und dieses pflegen und einen ganz klasse Wein herstellen.

Henriette Fee Grützner: Ja. Und dazu ein gutes Brot. Mensch, jetzt habe ich aber Appetit. [lacht]

Chris Jentzsch: [lacht]

Henriette Fee Grützner: Wir haben ja am Anfang ein Quiz gehabt für dich und die Frage war ja: „Wie viel Brot ist jeder Deutsche pro Jahr, wie viel Kilogramm?“ Da hatten wir 20 bis 30 Kilogramm, 30 bis 40 oder 50 bis 60 Kilogramm. Und bevor wir auflösen … Weil ich bin mir sicher, Chris, dass du die Auflösung weißt. Vielleicht wusstest du aber nicht … Weißt du, wie viel Brot die INDER essen, pro Kopf im Jahr circa?

Chris Jentzsch: Weiß ich nicht. Nein.

Henriette Fee Grützner: Das sind 1,5 bis 1,75 Kilo.

Chris Jentzsch: Hm [bejahend].

Henriette Fee Grützner: Die Italiener liegen so bei 46 Kilo pro Kopf. Und die Deutschen?

Chris Jentzsch: Die Deutschen liegen natürlich darüber und essen 50 bis 60 Kilo pro Kopf.

Henriette Fee Grützner: Das muss man sich mal überlegen. 50 bis 60 Kilogramm. Und ich meine, das geht auch einfach schnell und ist auch wirklich Teil unserer Tradition, abends eine Schnitte, ein Brot.

Chris Jentzsch: Genau. Oder dem Kind ein Brot mit in die Schule geben.

Henriette Fee Grützner: Absolut. Und deswegen ist es im internationalen Vergleich auf jeden Fall sehr viel. Und die UNESCO hat das Brot zum immateriellen Kulturerbe erklärt.

Chris Jentzsch: Wunderbar.

Henriette Fee Grützner: Jetzt abschließend noch eine Frage. Wenn du ein Brot wärst, welches wärst du?[lacht]

Chris Jentzsch: [lacht]

Henriette Fee Grützner: Jetzt bist du ganz ratlos.

Chris Jentzsch: Ich bin ratlos. Ich denke, ich wäre die St. Benno Kruste.

Henriette Fee Grützner: Und ich?

Chris Jentzsch: Du wärst Sieben auf einen Streich. [lacht]

Henriette Fee Grützner: Sieben auf einen Streich. Habe ich gekostet. Schmeckt gut. Bin ich VÖLLIG mit einverstanden. Also, ich danke dir sehr. Es war unglaublich spannend. Ich esse wirklich fast jeden Tag Brot. Aber es wird jedem so gehen, der zuhört, in diese Welt des Brotes mit dir einzutauchen, dass Brot einfach so viel mehr ist und einen festen Platz hier in der Region Dresden Elbland hat. Vielen, vielen Dank. [Musik] Alles Gute für dich und den Laden hier.

Chris Jentzsch: Gerne. Danke.

Henriette Fee Grützner: Und alle Infos zu dieser Folge wie immer in unseren Shownotes und unter www.visit-dresden-elbland.de. Wir freuen uns natürlich auch sehr über ein Like, wenn dir die Folge gefallen hat und abonniere gerne, gerne den Podcast, damit du ab jetzt keine Folge von: „„NU GUCKE MA DA!“, verpasst. Ich freue mich schon auf die nächste Folge. Sage Tschüss, bis bald, nu gucke ma da. [Musik] [pause]


In dieser Podcast-Episode tauchen wir ein in die aromatische Welt des Brotes. Zu Gast ist Brotsommelier und Bäckermeister Chris Jentzsch, Inhaber der Bäckerei Brot & Æhre in der Meißner Altstadt. Seine Backstube steht für knusprige Krusten, regionale Zutaten und echte Leidenschaft fürs traditionelle Handwerk.

Was macht ein „lebendiges“ Brot aus?
Podcast-Host Henriette Fee Grützner spricht mit Bäckermeister und Brotsommelier Chris Jentzsch über die Faszination für gutes Brot, kreative Rezepturen und die Frage, woran man ein wirklich „lebendiges“ Brot erkennt. Jentzsch erklärt, wie Brotaromen professionell verkostet werden und welche Weine aus dem Elbland besonders gut mit verschiedenen Brotsorten harmonieren.

Tipps für Hobbybäcker und Genussreisende
Neben spannenden Einblicken in die Ausbildung zum Brotsommelier gibt der Bäckermeister praktische Tipps für Hobbybäckerinnen und -bäcker und für Reisende. Wo lohnt es sich einzukehren, was sollte man sich unbedingt anschauen in Dresden bzw. der Region?

Brotkultur hautnah erleben
Die treue Kundschaft schätzt den Erfindungsreichtum des Bäckermeisters und wartet gern auf Klassiker wie die St.-Benno-Kruste oder „Sieben auf einen Streich“. Während man ansteht, fällt der Blick direkt in die gläserne Backstube: „Wir haben nicht die Backstube im Laden, sondern den Laden in der Backstube“, sagt das Bäckerehepaar Jentzsch. Die Botschaft ist klar: Handwerk steht an erster Stelle.

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