Freizeit & Familie

Spaziergang mit Winnetou

Karl-May-Wochenende am 10. und 11. Juli in Radebeul

Karl May Winnetou Lößnitzgrund
Aufführung von "Winnetou I" im Lößnitzgrund. Foto: Landesbühnen Sachen/Thomas Arndt

Karl May lebte nahe am Lößnitzgrund. Der zählte damals zu den beliebtesten Naherholungsgebieten der Gegend. Die Stadt Radebeul erweckt das romantische Tal jetzt zu neuem Leben.

Da nun verengt sich die Landschaft aus anmutigen Hügeln, an deren Hängen prächtige Rebstöcke wachsen, zu einem schmalen Tal. Ein Rinnsal fließt an dessen Grund, zumindest in jenen Jahren, die von so viel Niederschlag gesegnet sind wie dieses. Der Lößnitzgrund, wie ihn die Einheimischen nennen, schlängelt sich durch einen Tann, so dicht, dass der Westmann weiß: Hinter manchem Gehölz könnte hier eine Gefahr lauern.

So ähnlich hätte es vielleicht geklungen, hätte Karl May (1842–1912) über den Lößnitzgrund nahe Radebeul geschrieben, wo er sich als erfolgreicher Schriftsteller niedergelassen hatte.

Der Lößnitzgrund inspirierte Karl May

Leider schrieb er nie explizit über das enge Tal, aber es ist leicht vorstellbar, wie er diese wilde Landschaft auf langen Spaziergängen erkundete und dabei Inspiration für die Figuren und Geschichten fand, die ihn zu einem der meistgelesenen und meistübersetzten deutschen Schriftsteller machten. Von den Tantiemen kaufte er sich ein Haus in der damaligen Kirchstraße, die heute Karl-May-Straße heißt, und taufte es Villa Shatterhand. Das denkmalgeschützte Haus beherbergt heute das Karl-May-Museum und steht nur ein paar Gehminuten entfernt von dem damals ungemein beliebten Naherholungsgebiet. Schon ab 1880 legte der „Verschönerungsverein für die Lößnitz“ die ersten Wanderwege an, vier Jahre später nahm die einst hochmoderne Schmalspurbahn ihren Betrieb zwischen Radebeul und Radeburg auf. Der „Lößnitzdackel“, wie die Radebeuler die tapfer schnaufende Dampfbahn liebevoll nennen, ruckelt noch heute durch das enge Tal, mitten durch den malerischen Dippelsdorfer Teich und Moritzburg.

Karl-May-Wochenende in Radebeul

Diese glorreichen Tage will die Stadt Radebeul nun wiederbeleben. Beim Karl-May-Wochenende am 10. uns 11. Juli in Radebeul begeben sich die Besucher auf unbekannte Pfade in urbane Gefilde. Dabei begegnen ihnen rauflustige Ganoven, orientalische Tänzer und Karl May höchstpersönlich, der von seinen abenteuerlichen Reisen berichtet. Unter dem Motto „Karl May – Abseits des Pfades“ tauchen die Besucher an fünf Standorten in der Lößnitzstadt in die Zeit des Wilden Westens ein, erhalten Einblick in fremde Kulturen oder träumen sich in ferne Welten. Bei der Führung „Auf den Spuren von Karl May durch Radebeul“ erfahren Interessierte bei einem gemeinsamen Spaziergang Wissenswertes zu den Wirkungsstätten des Maysters.

Mehr Infos & Tickets: www.karl-may-fest.de

  • Lößnitzgrund
  • The Road Brothers

Lößnitzgrund nicht nur Naherholungsgebiet

Bert Wendsche, der Oberbürgermeister von Radebeul, will das Tal nicht nur als Naherholungsgebiet in den Köpfen neu verankern, sondern auch als „grüne, sportliche, kulturelle Mitte der Stadt, in der Moderne und Heimatverbundenheit miteinander versöhnt werden“. Worte wie „Nachhaltigkeit“ und „Slow-Erholung“ fallen, wenn man mit ihm spricht. Die Planungen seiner Stadt gehen über das Jahr 2021 hinaus. Vom Bahnhof der Schmalspurbahn in Radebeul-Ost soll ein zertifizierter Premium-Wanderweg bis zum Schloss Moritzburg durch das bis zu 50 Meter tiefe Tal führen. Dazu werden bereits vorhandene Wege ausgebaut, Bachböschungen gesichert, Brücken erneuert und der Weg teilweise neu verlegt.

Hier trifft man den echten Karl May

Ein Museum über sein Leben und sein Werk

Begebt euch auf die Spuren Karl Mays

Schon heute lädt der Lößnitzgrund zu einer schönen Wanderung für die ganze Familie ein. Am besten fährt man dafür mit dem Lößnitzdackel zum Bahnhof Friedewald Bad und spaziert von dort gemütlich zurück nach Radebeul. Die Strecke führt vorbei an Sanatorien, die zu Wohnhäusern umgebaut wurden, und ehemaligen Mühlen-Gaststätten. Der Weg windet sich durch ein romantisch enges Tal, in dem zwar nicht wirklich Gefahren aus Karl Mays Abenteuerwelt lauern – aber was ist schon wirklich? Das konnte der berühmte Schriftsteller irgendwann selbst nicht mehr leicht auseinanderhalten:

„Wie stark Realität und Fantasie bei ihm verschwammen, ob er dauerhaft davon besessen war, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi zu sein, oder ob ihn nur gelegentlich die eigene Fantasie davongetragen hat, das ist heute nicht mehr zu ermitteln“

sagt Philipp Schwenke, der Karl May zur Figur seines dokumentarischen Roman „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ machte.

Tatsache ist, dass May viele Länder nur im Geiste bereiste, seine Leserschaft aber Anderes glauben ließ.

Wäre Karl May heute auf Instagram?

Wäre das heute noch möglich? „Allerdings“, ist Schwenke überzeugt. „Wenn May heute jung wäre, würde er sich in den sozialen Netzwerken tummeln. Mit seinem Hang zur Übertreibung wäre das eine großartige Spielwiese für ihn.“ Man könne ihn sich als Reise-Blogger vorstellen, der Fotos von wilden Wüstenlandschaften auf Instagram veröffentlicht. „Würde man aber in die andere Richtung blicken können, würde man sehen, dass er nur kurz aus seinem komfortablen Hotelzimmer gekommen ist.“

Karl May lässt uns nicht los. Zudem leben seine Figuren in Filmen, auf den Bühnen wie im Lößnitzgrund, im Gedächtnis und in den Herzen der Deutschen. Man solle seine Romane lesen, sagt Philipp Schwenke. „Aber klar: Diese Bücher erzählen einem mehr über dieses Land als über die Länder, in denen sie spielen.“ Am Ende des Wegs durch den schattigen Lößnitzgrund wechselt das Licht zum warmen Licht in den Weinbergen über Radebeul, an deren Hängen die teuersten Grundstücke Ostdeutschlands liegen. Und da Winnetou und Old Shatterhand den Spaziergang im Geiste begleiteten, bietet es sich an, deren Erfinder noch einen Besuch an seinem Grab auf dem Friedhof Radebeul-Ost abzustatten. Dort liegt Karl May neben seinem alten Freund Eduard Bilz, als wären sie Seit an Seit durch den Lößnitzgrund direkt ins Jenseits spaziert.

Der Zwiespältige Karl May

Als Karl May nach Radebeul unweit seiner Geburtsstadt Ernstthal zog, genoss er bereits den Ruhm und Reichtum eines berühmten Schriftstellers. 1896 kaufte er sich die Villa in der heutigen Karl-May-Straße, deren Baustil als Beispiel „italianisierender Renaissance“ galt. Noch im selben Jahr brachte er auf deren Fassade den Schriftzug „Villa Shatterhand“ an. Sie war sein letzter Wohnsitz. Kurz nach seinem Tod ließ seine Witwe Klara May im Garten das Blockhaus „Villa Bärenfett“ bauen und eröffnete 1928 darin das erste Karl-May-Museum. Darin kann man in die Kultur der indigenen Völker Nordamerikas eintauchen, von denen May so fasziniert war. Auch in dem weitläufigen Garten des Anwesens ist viel zu entdecken, ein großes Tipi zum Beispiel, Kinder können dort nach Goldnuggets schürfen. Seit 1985 nutzt die Karl-May-Stiftung auch die Villa für ihr Archiv und Ausstellungen.

Allerdings sind große Pläne im Gespräch. Die bestehenden Häuser müssen erhalten, das Archiv muss sorgsamer gelagert und die Ausstellung in der „Villa Shatterhand“ dringend aktualisiert werden, um Karl May in all seiner Zwiespältigkeit darzustellen. Schließlich hat der Mann nicht nur mehr als 200 Millionen Bücher verkauft, sondern auch ein Leben geführt, das bisweilen fantastischer anmutet als seine Romane. „Zu einem neuen Konzept“, sagt Museumsdirektor Robin Leipold, „gehört auf jeden Fall eine stärkere Ausei­nandersetzung mit der Person Karl May.“

Noch fehlt dafür allerdings das Geld. Die Karl-May-Stiftung verdient nicht mehr an den Verkäufen der Bücher, da ihre Anteile während der DDR-Zeit an den Bamberger Karl-May-Verlag verkauft wurden. Trotzdem ist Leipold zuversichtlich, dass die Institution in neuem Glanz erstrahlen wird – allerspätestens 2028 zum 100-jährigen Geburtstag des Museums: „Das wäre eine runde Sache.“

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