Kultur

Einfach radikal

A. R. Penck-Retrospektive

Bild: Volker Tenner. A. R. Penck bei einer der ersten Sessions von "Winkler / Freudenberg / Leihberg"

In der DDR wurde der Künstler A. R. Penck ignoriert, drangsaliert und schließlich ausgebürgert. 2019 würde er 80 Jahre alt. Seine alte Heimatstadt Dresden würdigt ihn ab 5. Oktober mit der Retrospektive „Ich aber komme aus Dresden (check it out man, check it out)“.

Drei Jahre nach dem Mauerfall kommt der Stasi-Schreck A. R. Penck zurück: mit Rauschebart, Schlapphut und in Krempel-Jeans. Ein Ringel-T-Shirt spannt über seinem mächtigen Bauch. Es ist seine erste eigene Ausstellung in Dresden, wo er lebte, bis er 1980 ausgebürgert und in den Westen abgeschoben wurde.

Das Verhältnis zu seiner Heimatstadt war immer kompliziert. Künstler ließ man ihn dort nie sein, er musste heimlich ausstellen. Trotzdem kommt er mit seiner Ausstellung im Jahr 1992 „nicht als Sieger zurück, aber auch nicht als verlorener Sohn“. So schrieb es der Künstler in das ­Katalog-Vorwort. „Analyse einer Situation“ ist die Schau untertitelt. Es geht Penck also um seine aktuelle Situation. Er stellt bewusst nicht die Arbeiten aus, mit denen er in den 1960er- und 1970er-Jahren in der DDR angeeckt ist – und im Westen zum Star wurde.

Er zeigt unbekannte Werke, die erst im Jahr davor entstanden waren. „Das spricht für ihn“, bemerkte damals Werner Schmidt, der 1989 Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) wurde. Es zeugt von Pencks Selbstbewusstsein als Künstler, der auf das Prädikat des Dissidenten verzichten kann.

Im Oktober würde der 2017 verstorbene Künstler 80 Jahre alt. Ein schöner Anlass für die ­Retrospektive „Ich aber komme aus Dresden (check it out man, check it out)“. Es wird die erste umfassende Retrospektive des Künstlers überhaupt.

Penck, der eigentlich Ralf Winkler hieß, wollte immer schon Künstler sein. Die Volksschule hatte er hingeschmissen. Dafür belegte er als Jugendlicher Zeichenkurse des acht Jahre älteren Malers und Filmemachers Jürgen Böttcher. Dort lernte er die drei Peters kennen. Mit Peter Makolies, Peter Graf und Peter Herrmann gründete er als 14-Jähriger die Dresdner Künstlergruppe „Erste Phalanx Nedserd“. Sie sahen sich in der kämpferischen Tradition der Gruppe „Phalanx“, die sich 1901 um Wassily Kandinsky gegründet hatte. „Nedserd“ steht für „Dresden“, rückwärts buchstabiert.

Ein Name wie ein Pistolenschuss

Sie interessierten sich für die klassische Moderne, verehrten ­Picasso und verweigerten sich dem staatlich verordneten Sozialistischen Realismus. Der Verband der Bildenden Künstler lehnte sie ab, auch die Akademie blieb ihnen verschlossen. Sie verrichteten Brotjobs als Arbeiter oder Handwerker.

Penck hatte 1955 bis 56 eine Lehre als Werbezeichner absolviert, arbeitete unter anderem als Heizer, Laiendarsteller, Dachdecker, Nachtwächter oder Briefträger. 1968 signierte er, in Anspielung auf den Eiszeitforscher und Geologen ­Albrecht Penck (1858–1945), zum ersten Mal mit dem Namen A. R. Penck. Dessen Name dürfte ihm auch deswegen gefallen haben, weil er ein bisschen klingt wie Comicsprache: Peng! Das „R“ steht für seinen eigenen Vornamen, Ralf.

„Jeder Standart kann nachgeahmt und reproduziert werden und so zum Eigentum eines jeden Einzelnen werden“

A.R.Penck, 1970

Wuselbilder statt verkopfter Westkunst

Im Westen war Penck schon lange vor seiner Ausbürgerung ein Star. Der „alte Wilde“, das Enfant terrible der DDR, gilt als Vater der „Neuen Wilden“ im Westdeutschland der frühen 1980er-Jahre. Penck entwickelte schon 1968 die für ihn typischen „Standart-Bilder“, die so heißen, weil sie immer wiederkehrende Zeichen und Kürzel enthalten. „Jeder Standart kann nachgeahmt und reproduziert werden und so zum Eigentum eines jeden Einzelnen werden“, schrieb er 1970.

Man kannte diese randvollen, archaisch anmutenden Wuselbilder, die mit gesichtslosen Strichmännchen und beißenden Hunden bevölkert waren, in denen Höhlenmalerei auf Pop-Art trifft. Wo Sonnen, Kreuze, Totenköpfe und Speere durch die Gegend fliegen. Diese Kürzel ließen sich zwar als Symbole für seine existenziellen Kämpfe in der DDR lesen.

Vor allem aber berührten seine Bilder. Sie entstanden spontan. Sie zeugen von Sexualität, Ängsten und Emotionen. Viele mochten in ihnen einen emotionalen Gegenentwurf zur kopflastigen Westkunst der 70er-­Jahre sehen.

A.R. Penck: „Ich aber komme aus Dresden (check it out man, check it out).”

Albertinum, 5. Oktober 2019 bis 12. Januar 2020, täglich 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen

Parallel zur Ausstellung im Albertinum zeigt die Städtische Galerie Dresden die Ausstellung
A.R. Penck „Übermalungen 1979“ – Rekonstruktion einer Ausstellung (3.10.2019—5.1.2020) Projektraum Neue Galerie, Städtische Galerie Dresden.

Penck Hotel Dresden: Über 700 Originalwerke des Künstlers sind im gesamten Hotel zu finden,
darunter auch die über sechs Meter hohe Bronzeplastik „Standart T(x)“ auf dem Dach.

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