„VEB Museum“: Das Deutsche Hygienemuseum Dresden blickt zurück auf seine bewegte DDR-Vergangenheit

Interview mit den Kuratorinnen der neuen Ausstellung, die am 9. März 2024 startet

Die gläserne Kuh ist Teil der Ausstellung. 1959 erstmals in Indien gezeigt, zeugt sie vom Selbstver­ ständnis der DDR und vom Wissenschaftsaustausch mit anderen Ländern. Foto: Gunther Binsack
Die gläserne Kuh ist Teil der Ausstellung. 1959 erstmals in Indien gezeigt, zeugt sie vom Selbstver­ ständnis der DDR und vom Wissenschaftsaustausch mit anderen Ländern. Foto: Gunther Binsack

Die beiden Kuratorinnen Sandra Mühlenberend und Susanne Wernsing im Gespräch über die neue selbstreferenzielle Ausstellung „VEB Museum“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden

Das 1912 gegründete Hygiene-Museum war Zeuge der großen Kapitel deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert, vor allem aber auch: der DDR. Warum werfen Sie gerade jetzt einen Blick zurück in diese Zeit?  

Mühlenberend: In Gesprächen mit vielen Zeitzeugen:innen merken wir, dass die Erinnerung verschwimmt. Wenn wir noch länger warten, schwindet dieses Wissen. Gleichzeitig koppeln wir die Ausstellung an die großen Diskussionen, die in der Gesellschaft zum Umgang mit der DDR vorherrschen.

Wernsing: Es sind wechselnde Konjunkturen zu beobachten, wie die Geschichte der DDR erzählt wird. Die aktuellen Kontroversen greifen wir auf, indem wir einen umfassenderen Blick darauf richten und auch andere Stimmen zu Wort kommen lassen. Wir glauben, dass es wichtig ist, den unterschiedlichen Erzählungen zuzuhören und nach Gemeinsamkeiten zu suchen und nicht nach Spaltung.

Wie erschaffen Sie diesen Raum der Erinnerung in der Ausstellung?

Wernsing: Die Ausstellung erzählt die Geschichte des Hygiene-Museums in der Zeit der DDR. Wir schauen uns an, was das Museum in dieser Zeit eigentlich war. Das Hygiene-Museum war ja einerseits das nationale Institut für Gesundheitserziehung, das direkt dem Ministerium für Gesundheitswesen unterstellt war und den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft und Menschen prägte. Und gleichzeitig war es ein Betrieb der DDR, den wir uns prototypisch anschauen. Im Grunde machen wir also eine Werksbesichtigung. Unser Fokus liegt auf dem Thema Werktätigkeit in der DDR. Und wir verbinden diese Frage damit, wie die DDR erinnert wird und wie Prozesse der Abwicklung und des Systemwechsels verlaufen sind.

Wir glauben, dass es wichtig ist, den unterschiedlichen Erzählungen zuzuhören und nach Gemeinsamkeiten zu suchen und nicht nach Spaltung.

sagt „VEB-Museum“-Kuratorin Susanne Wernsing

Wie sieht das ganz konkret aus?

Mühlenberend: Wir inszenieren ehemalige Betriebsräume, bauen diese aber nicht direkt nach. Die Szenenbildnerin Susanne Hopf, der Bühnenbildner Mathis Neidhardt und der Szenograf Michael Birn schaffen teils Architektur- und Raumkulissen, die als solche erkennbar sind. Hierin können sich die Besucher inhaltlich gut verorten. Damit spielen wir mit dem Gedanken, dass es immer eine vordere, präsentable Seite gibt, aber auch eine Hinterbühne. Ein Dahinter, das nicht immer mit dem offiziell Staatstragenden übereinstimmt, wie die DDR sich eigentlich zeigen wollte.

Wernsing: Ein Ziel dieser Inszenierung und der im Osten bekannten Ästhetiken ist natürlich auch, Erinnerungen auszulösen. Dass man durch Materialien, Muster, Farben in eine andere Zeit zurückversetzt wird, die dann wiederum thematisch andere, subjektive Erinnerungen auslöst.

Was ist noch in der Ausstellung zu sehen?

Wernsing: Neben den Szenografien ist das zweite wichtige Element die Sammlung des Hygiene-Museums. Also die Produkte, die dort hergestellt wurden. Ein markantes Beispiel etwa ist die Gläserne Kuh, die 1959 das erste Mal in Indien gezeigt wurde und dabei viel über den Export, den Wissensaustausch mit anderen Ländern und das Selbstverständnis der DDR erzählt. Das dritte Element ist ein Interviewprojekt. Dafür haben wir ehemalige und aktuelle Beschäftigte des Museums befragt, die die Zeit der DDR und die Transformation miterlebt haben. Auch Gespräche mit Menschen aus der Dresdener Stadtgesellschaft, verschiedenen migrantischen Communities und Kulturschaffenden der DDR vervollständigen dieses vielstimmige Bild.

Die gläserne Kuh ist Teil der Ausstellung „VEB Museum“. 1959 wurde das Exponat erstmal in Indien gezeigt. Es zeugt vom Selbstverständnis der DDR und vom damaligen Wissenschaftsaustausch mit anderen Ländern. Foto: © Deutsches Hygiene-Museum

Sie setzen also den polarisierenden Stimmen, die öffentlich über die DDR streiten, mit diesem Zeitzeugenprojekt weitere Stimmen entgegen?

Mühlenberend: Richtig, wir arbeiten nicht mit Postulaten, sondern geben individuellen Erinnerungsformen Raum. Die Interviews reichen vom Direktor bis zur Kantinenmitarbeiterin, weil wir unterschiedliche Lebensläufe verstehen und zeigen wollen, egal ob sie erfolgreich, gebrochen oder widersprüchlich sind.

Wernsing: Die Ausstellung will beides. Sie will anregen und verschiedenen Stimmen Raum geben. Sie will aber auch erproben, wie man eine Kontroverse ohne Hass austrägt. Ein wichtiger Punkt ist dabei auch, dass wir die unterschiedlichen Generationen ins Gespräch bringen wollen – wir haben den Eindruck, dass in vielen Familien das intergenerationelle Gespräch erst jetzt richtig beginnt.

Mühlenberend: Zum Stichwort Austausch: Wir sind eine kuratorische Doppelspitze aus Ost und West, und unser Austausch sowie unsere Diskussionen manifestieren sich auch in der Ausstellung. Und dieses große, diskussionsfreudige Interesse aneinander wünschen wir uns auch für unsere Gesellschaft.