Kultur

„Fake – Die ganze Wahrheit“: Neue Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum

Interview mit Kurator Daniel Tyradellis

Ausstellung Fake
Menschen lügen – das gehört zum Menschsein dazu. Diese ist eine von vielen Tatsachen, mit denen die Besucher der Ausstellung "Fake – Die ganze Wahrheit" konfrontiert werden. Foto: Anita Affentranger

Überall Fake News, Fake-Profile, Fake-Produkte – so kommt es einem doch manchmal vor, oder? Mit der Ausstellung „Fake – Die ganze Wahrheit“ verwandelt Daniel Tyradellis das Deutsche Hygiene-Museum in das „Amt für die ganzen Wahrheit“. Und macht die Besucher zu Beamtenanwärtern. Wir haben mit dem Kurator gesprochen.

Können Sie eine Wahrheit von einer Lüge unterscheiden? Sicher? Ist Wahrheit nicht irgendwie auch eine Frage der Perspektive? Und kann die Lüge von heute nicht auch zur Wahrheit von Morgen werden? Ist es überhaupt schlimm, zu lügen? Schließlich kann die Wahrheit verletzten, eine Lüge Leben retten.

Über Thesen wie diese nachzudenken, ist Anliegen der neuen Ausstellung „Fake – Die ganze Wahrheit“ im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Kurator Daniel Tyradellis verrät, was Besucher erwartet.

Herr Tyradellis, Ausstellungen über Fake News gab es bereits, dennoch ist Ihre ganz besonders. Warum?

Nur die Frage nach Fake News zu beantworten erschien mir zu einseitig. Denn zum Menschsein gehört es, zu lügen. Zu lügen ist sogar der Normalfall, die Wahrheit eine Seltenheit. Um das erlebbar zu machen, liegt der Fokus der Ausstellung weniger auf Exponaten oder musealen Beispielen. Vielmehr geht es um das Mitmachen und Anfassen: Sich gegenseitig Geschichten zu erzählen oder sich an den Lügendetektor zu setzen, um „die Wahrheit“ herauszufinden. Auch unter dem Aspekt, dass Lügen meist wenig mit naturwissenschaftlicher Richtigkeit zu tun hat als vielmehr mit gesellschaftlichen Überzeugungen.

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Die ganze Ausstellung tritt an als „Amt für die ganze Wahrheit“. Was hat es damit auf sich?

Mit dem „Amt für die ganze Wahrheit“ machen wir die Besucher zu Beamtenanwärtern. Ihre Aufgabe ist es, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Und Lügen zu bewerten. Ist die Lüge liebenswert, charmant oder tödlich? Das kann man nicht allein festlegen, sondern nur gemeinsam. Die Besucher durchlaufen daher viele Unterabteilungen dieses riesigen Amtes. Beispielsweise das Amt für angewandte Pinocchio-Forschung oder die Prüfstelle für strategische Täuschung. In jedem Unteramt werden Fragen aus einer anderen Perspektive gestellt: Was ist wahr, was ist falsch? Oder auch: Gibt es in der Tierwelt Lügen? Sind Fake News eine neue Erfindung? Wie gehen verschiedene Berufsgruppen mit Lügen um? Es geht darum, zu sensibilisieren und aufzuzeigen, dass man nicht klar abgrenzen kann, was eine Lüge ist und was die Wahrheit.

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Aber es gibt doch wahre Wahrheiten, oder?

In der Philosophie spricht man von sterilen Wahrheiten wie zum Beispiel 1 + 1 = 2 oder auch, dass die Sonne morgen wieder aufgeht. Diese Aussagen sind zwar wahr, sagen aber eigentlich nichts aus. Sobald es zur Interaktion mit Menschen kommt, helfen sie kaum weiter. Eine Wahrheit – abseits der sterilen Wahrheiten – ist nur dann eine Wahrheit, wenn sie auch ein Wagnis darstellt.

Sie sagten, dass die Wahrheit eher die Ausnahme ist. Es kursieren verschiedenste Zahlen, wie oft wir Menschen pro Tag lügen. Wie wahr sind diese?

Es gibt Schätzungen, laut derer der Menschen jeden Tag zwischen 40 bis 400 Mal lügt. Ich würde eher von 400 als von 40 ausgehen. Doch bei dieser Frage treffen wir auf ein Grundproblem: Wenn jemand „Guten Tag“ sagt und die andere Person ebenfalls, obwohl ihr Tag alles andere als gut ist – ist das schon eine Lüge? Und andersrum: Wenn jemand die Uhrzeit erfragt und die andere Person antwortet darauf korrekt – ist das dann schon die Wahrheit?

Ab wann spricht man denn von einer Lüge? Wie lange ist es noch tricksen oder verschleiern?

Das lässt sich schwer sagen. Man kann aber in schwarze, weiße und blaue Lügen unterscheiden. Die schwarze Lüge ist die, die wir klassisch als Lüge definieren. Beispielsweise wenn man lügt, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Die weiße Lüge stattdessen schadet niemandem und beinhaltet Verführung oder Höflichkeit. Als blaue Lüge bezeichnet man Lügen, die gemacht werden, um einem Dritten zu helfen, ohne dass dadurch jemand zu Schaden kommt.

Mit welcher Erkenntnis sollten die Besucher die Ausstellung verlassen?

Mein Wunsch wäre es, dass die Ausstellung ganz klassisch zur Emanzipation beiträgt. Die Frage nach Wahrheit und Lüge kann man nicht delegieren. Es gibt keinen Experten, die einem die Beantwortung, was wahr ist und was falsch, restlos abnehmen können. Die Ausstellung möchte Ermutigung, aber auch Ermahnung sein, dass jeder seine Rolle in dem Versuch, eine Gemeinschaft zu erhalten, einnehmen muss, kann und soll.

Fake – Die ganze Wahrheit

Wann? noch bis zum 5. März 2023
Wo? Deutsches Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden
Eintritt: 10 Euro, Familienkarte 15 Euro, Kinder bis 16 Jahre frei
Onlinetickets

Daniel Tyradellis ist Kulturwissenschaftler und Kurator. Er studierte Philosophie und Wissenschaftstheorie. Seit 2020 hat er den Lehrstuhl der Stiftungs-Professur Humboldt Forum für Theorie und Praxis des interdisziplinären Kuratierens inne. Parallel zu seinen universitären Tätigkeiten kuratiert Tyradellis seit vielen Jahren meist transdisziplinäre Ausstellungen in verschiedensten Museen, unter anderem im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Die Arbeiten zu seiner aktuellen Ausstellung „Fake – Die ganze Wahrheit“ begannen Anfang 2017.

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