Ausstellung „ Ernst Barlach“

Ernst Barlach Eine Retrospektive zum 150. Geburtstag

K unst war für ihn „eine Sache allertiefster Menschlichkeit“ und der Betrachter spürt dieses Credo in jeder Arbeit seines facettenreichen Werkes. Die Rede ist von Ernst Barlach (1870-1938), einem der bedeutendsten und populärsten Künstler des 20. Jahrhunderts, dem die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zum 150. Geburtstag jetzt eine Retrospektive widmen.

10. August 2020

Von Jens Wonneberger

Seine Bedeutung als Bildhauer verdankt der Künstler vor allem seinen Holzskulpturen. Die mittelalterliche Schnitztechnik aufnehmend, entwickelte Barlach einen ganz eigenständigen Stil und schuf einen mythisch und religiös geprägten expressiven Realismus. In reduzierten, vereinfachten Formen verstand er es, innere Vorgänge äußerlich sichtbar zu machen und dabei Grundfragen der menschlichen Existenz und Kernfragen des Glaubens aufzuwerfen.

Barlach war jedoch eine Mehrfachbegabung, der auch als Zeichner, Grafiker, Dramatiker und Prosaautor ein eigenständiges Werk schuf. Beeinflusst wurde es zunächst von der Begegnung mit der französischen Kunst, dann vor allem durch eine Russlandreise inspiriert und geprägt. Zu zeigen, „was der Mensch gelitten hat und leiden kann, seine Größe, seine Angelegenheiten“, war ein wichtiger Teil seines Programms. Er setzte es auf beeindruckende Weise um. Barlach schuf monumentale Denkmale und gegen den Krieg gerichtete Mahnmale, aber auch Zeichnungen und Skulpturen von Bettlern, Versehrten und Schwangeren, von Spaziergängern, Sterndeutern und biblischen Gestalten.

Im Mittelpunkt der gemeinsam mit dem Ernst Barlach Haus – Stiftung Hermann F. Reemtsma und in Kooperation mit der Ernst Barlach Stiftung Güstrow durchgeführten Ausstellung stehen Barlachs Skizzenbücher, Zeichnungen und Holzskulpturen. Gezeigt werden aber mit einer Auswahl von rund 230 Werken ebenso alle anderen Facetten seines umfangreichen Schaffens. Auch das bis 1905 entstandene und weitgehend unbekannte Frühwerk wird dabei eingehend beleuchtet.

Nach Dresden zurückgekehrt ist dabei die Holzskulptur „Frierendes Mädchen“, die die Skulpturensammlung im Albertinum 1920 erworben hatte und 1937 von den Nationalsozialisten, die Barlach als „entarteten Künstler“ ächteten, aus der Sammlung entfernt wurde. Dies ist jedoch nicht die einzige Verbindung, die Barlach nach Dresden hatte. 1891 zog es den an der Niederelbe bei Hamburg Geborenen gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder elbaufwärts, um an der Dresdner Kunstakademie zu studieren. Hier, wo er „unablässig gezeichnet“ hat, wurde er Meisterschüler von Robert Dietz und lernte auf den Loschwitzer Höhen den Arzt Hermann Klencke-Mannhart kennen. Dem setzte er später in seinem Roman „Seespeck“ ein literarisches Denkmal. Nicht zu vergessen Barlachs Zusammenarbeit mit der Porzellanmanufaktur Meissen, die nach seinen Vorlagen einige Figuren in Böttger-Steinzeug ausführte. Barlachs Gestaltungen, schrieb Paul Westheim in einem Nachruf 1938, ruhen als eine Welt in sich und spannen zugleich einen unendlichen Horizont, in ihnen ist eine Kraft, die Gemeinschaft bildet. Dieser Gemeinschaft kann der Besucher im Albertinum beitreten.

Ernst Barlach zum 150. Geburtstag, Albertinum, bis 10. Januar 2021