Stadtteil-Geschichten: Tolkewitz

In diesem Dresdner Stadtteil ist es besonders grün, ruhig und familienfreundlich

Kuppelhaus in parkähnlicher Anlage, im Vordergrund blühen rosa Büsche
In Tolkewitz lassen sich viele wunderschöne Friedhofsanlagen besichtigen, so wie hier der Johannisfriedhof mit der Kapelle von Paul Wallet aus dem Jahr 1894. Foto: Michael R. Hennig (DML-BY)

Tolkewitz ist für viele Dresdner noch ein blinder Fleck, oft nur für seine Friedhöfe bekannt. Im Interview erzählt Martin Kaden, Herausgeber einer illustrierten Ortsgeschichte, was den Stadtteil für ihn wirklich ausmacht.

So ruhig und friedlich wie in Tolkewitz ist es sonst nirgends, findet Martin Kaden. Seit 1989 lebt der gebürtige Vogtländer hier und möchte seinen Stadtteil auch nicht mehr verlassen.

Er kennt nicht nur jede Ecke, sondern auch die Geschichte des Ortes: Aus ersten Recherchen für eine Ausstellung in der Kirchgemeinde der Bethlehemkirche entstand ein umfangreiches Archiv – und schließlich ein komplettes Buch über die Geschichte von Tolkewitz. Martin Kaden erzählt, was den Stadtteil zwischen Blasewitz und Leuben so besonders macht:

Tolkewitz ist für Sie der schönste Stadtteil, weil…

… man hier einfach gut leben kann. Der Stadtteil ist grün, er liegt an der Elbe, er ist gut an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen. Es gibt ruhige Wohnlagen, hier leben tolle Menschen – und Tolkewitz hat eine sehr interessante Geschichte.

Die Bethlehemkirche an der Marienberger Straße gehört zu den ersten Kirchenneubauten in der DDR. Foto: Michael R. Hennig (DML-BY)

Welche Menschen fühlen sich in Tolkewitz besonders zuhause?

In Tolkewitz sind alle Generationen vertreten. Es gibt Menschen, die hier von Geburt an leben, und andere, die hierherziehen und dann bleiben. Eine ehemalige Pfarrerin der Bethlehemkirche, Maria Ziemer, hat einmal gesagt: „Aus Tolkewitz zieht man nicht fort, in Tolkewitz zieht man höchstens um.“ Das trifft es für mich sehr gut.

Welcher Weg vom Dresdner Zentrum nach Tolkewitz ist der schnellste – und welcher der schönste?

Am schnellsten erreicht man Tolkewitz von der Altstädter Seite mit der Straßenbahnlinie 9, von der Neustädter Seite mit der Linie 6. Am schönsten ist der Weg entlang der Elbe: von der Johannstadt elbaufwärts, vorbei an Blasewitz und dem Blauen Wunder bis nach Tolkewitz – zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Historisches Backsteingebäude mit vielen Spitztürmen und hohen Fenstern, umgeben von Bäumen und grüner Wiese
Das historische Wasserwerk wurde nach der Wende modernisiert und erweitert, bis heute versorgt es Dresden mit Trinkwasser. Foto: Michael R. Henning (DML-BY)

Wie würden Sie Tolkewitz jemandem beschreiben, der noch nie hier war?

Für viele Dresdner ist Tolkewitz die ‚Friedhofsecke‘ der Stadt – wegen dem Johannisfriedhof und Urnenhain, zwei besonders schöne, sogar ausgezeichnete, Friedhöfe.

Gleichzeitig kann man hier die bauliche Entwicklung vom Dorf zum Stadtteil sehr gut ablesen: vom alten Dorfanger mit kleinen Häusern über Mietvillen aus 1900 und Siedlungsbauten der 1920er Jahre bis zu DDR‑ und Neubauten. Wer sich für die städtebauliche Entwicklung interessiert, ist in Tolkewitz gut aufgehoben.

  • Grabmale des Johannisfriedhof im Dresdner Stadtteil Tolkewitz.
  • Symmetrische Trauerhalle mit zentraler Kuppel, Kreuz, Säulenportikus und langen Seitenflügeln vor blauem Sommerhimmel

Welcher Geheimtipp steht in keinem Reiseführer?

Die beiden großen Friedhöfe in Tolkewitz stehen komplett unter Denkmalschutz. Dazu kommen rund 1000 geschützte Einzelgrabmale, viele von bedeutenden Bildhauern wie Johann Schilling. Vermutlich hat kein anderer Dresdner Stadtteil so viele einzelne Denkmale, doch in keinem Dresden-Reiseführer habe ich das bisher gelesen.

Gibt es eine Geschichte, ein Ereignis oder eine Persönlichkeit, die Tolkewitz aus Ihrer Sicht besonders geprägt hat und die man kennen sollte?

Der Tolkewitzer Christian Gärtner war ein leidenschaftlicher Sternbeobachter, der sogar den kurfürstlichen Hof mit astronomischen Mitteilungen versorgte. Er sagte 1757 die Wiederkunft des Halleychen Kometen voraus, die durch den Prohliser Bauernastronom Georg Palitzsch im Jahr 1758 bestätigt wurde.

Zu Gärtners Ehren trägt heute ein knapp über 100 Kilometer großer Mondkrater seinen Namen. Damit ist unser kleines Tolkewitz sogar auf dem Mond vertreten – das muss ein Stadtteil erstmal nachmachen.

Wenn Sie jemanden auf einen Spaziergang durch Tolkewitz mitnehmen würden: Welche Route würden Sie wählen und warum?

Ich würde die Tour am Schulcampus beginnen und zunächst zur Bethlehem-Kirche gehen, einem schlichten Kirchenbau aus DDR-Zeiten. Von dort führt der Weg in den Toeplerpark, am Niedersedlitzer Flutgraben entlang, und anschließend weiter zum Eisgarten Huß in Alttolkewitz. Das ist ein Familienbetrieb, bei dem es das beste Speiseeis gibt.

Anschließend führt der Spaziergang durch das alte Dorf und am Wasserwerk vorbei in Richtung Biergarten ‚Trollgarten‘. Kurz davor zweigt der Weg zu den Friedhöfen ab, wo man in parkähnlicher Umgebung die Atmosphäre der historischen Grabstätten auf sich wirken lassen kann, bevor man wieder am Schulcampus ankommt.

  • Grüner Garten mit Café-Terrasse im Schatten großer Bäume, Palmen im Vordergrund, helles Gebäude am rechten Bildrand
  • Symmetrische Trauerhalle mit zentraler Kuppel, Kreuz, Säulenportikus und langen Seitenflügeln vor blauem Sommerhimmel
  • Der Schulcampus in Tolkewitz.

Was wäre der passende Soundtrack dazu?

Für mich besteht der Klang von Tolkewitz nicht aus Liedern, sondern aus Geräuschen: dem Abendläuten der Glocken der Bethlehemkirche, dass eine dörfliche Ruhe entstehen lässt, dem Tuten der Schaufelraddampfer der Weißen Flotte auf der Elbe, das zu Dresden einfach dazugehört – und manchmal auch einfach die Stille. Tolkewitz ist ein Dresdner Stadtteil, in dem es wirklich still sein kann.

Welche kulinarische Adresse steht für Tolkewitz – und was bestellt man dort unbedingt?

Eine Institution ist die Konditorei Gradel an der Wehlener Straße, die es seit den 1920er Jahren gibt. Die Spezialität des Hauses ist der Baumkuchen – in stetig hoher Qualität, das ganze Jahr über. Außerdem gibt es ein großes Tortensortiment und selbstgemachtes Eis. Daneben hat Tolkewitz für seine Größe erstaunlich viele Gaststätten, die ich allesamt empfehlen kann.

Martin Kaden (Jahrgang 1964) arbeitet als Gesteinspräparator in den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden. In seiner Freizeit engagiert er sich in der Kirchgemeinde der Betlehemkirche.

Aus einer kleinen Ausstellung mit historischen Ansichten im Jahr 2003 entwickelte Kaden mit Unterstützung ein umfangreiches Tolkewitz-Archiv – das ganze 40 Aktenordner füllte. Gemeinsam mit etwa 60 Autorinnen und Autoren gab er das 460-seitige Buch „Tolkewitz: Illustrierte Ortsgeschichte“ heraus, eine 700 Jahre-Chronik des Stadtteils. Deren Veröffentlichung Ende 2025 beschreibt er als einen der schönsten Momente seines Lebens.

Was ist das wichtigste Fest oder Kultur-Event in Tolkewitz?

Tolkewitz hat keine eigene Festkultur. Für mich ist eher die Bethlehemkirche der kulturelle Mittelpunkt. Im Sommer, von etwa Mitte Juni bis Mitte September, ist sie immer mittwochs geöffnet. Die Leute kommen einfach vorbei, setzen sich in die Kirche, manchmal spielt jemand Orgel – und dazu gibt es jedes Jahr eine Sommerausstellung, diesmal mit Arbeiten der Dresdner Künstlerin Angela Hampel.

Was ist Ihr persönlicher Lieblingsplatz in Tolkewitz?

An der Elbe unterhalb der Villa Emmaus haben wir 2016 in einer Gemeinschaftsaktion der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden und der Archäologischen Gesellschaft in Sachsen einen Hungerstein gesetzt, der den damaligen Tiefststand markiert. Jedes Jahr, wenn er bei Niedrigwasser auftaucht, kehren wir dorthin zurück. Für mich ist das ein schöner, ruhiger, aber auch nachdenklicher Ort.

Der 2016 markierte Hungerstein kommt immer früher im Jahr zum Vorschein – wie hier am 28. Juni 2025. Foto: Martin Kaden

Welche Veränderung im Stadtteil haben Sie in den letzten Jahren am stärksten gespürt?

Spürbar ist der Rückzug der traditionsreichen Gärtnerei Elsner an der Kipsdorfer Straße, auf deren Gelände nun Wohnungsbau geplant ist. Ich hoffe, dass dort genügend Grünflächen und Spielplätze entstehen. Ein positives Beispiel dafür ist der Toeplerpark, der samt Spielplatz für fast eine Million Euro gerade saniert und Ende Mai neu eröffnet wurde.

Der Toeplerpark in Dresden-Tolkewitz - kurz vor der Neueröffnung.
Kurz vor der Freigabe des neuen Spielplatzes im Toeplerpark Mitte Mai 2026: Der Blick durch den Bauzaun. Foto: Martin Kaden

Was wünschen Sie sich für Tolkewitz?

Ich hoffe, dass uns Hochwasser wie 2002 und 2013 erspart bleiben. Sollte es doch wieder passieren, wünsche ich mir denselben Zusammenhalt wie damals am Wasserwerk, als wir Sandsäcke von Hand zu Hand gereicht haben und aus Fremden Bekannte wurden. Außerdem wünsche ich mir, dass Tolkewitz grün und kinderfreundlich bleibt, die Menschen den Stadtteil schätzen – und andere sich ermutigen lassen, hierherzuziehen.



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