Spätfrost in den Weinbergen Wie die Winzer ihre Reben schützen

F rühlingshafte Temperaturen und wärmende Sonnenstrahlen bis abends haben die Weinreben im Dresden Elbland bereits knospen lassen. Die Winzer von Schloss Wackerbarth entfachen Weinbergfeuer, um die austreibenden Reben vor Spätfrösten zu schützen.

20. April 2020

Ostermontag. Es ist kurz nach Mitternacht. Die Temperatur beträgt 1 Grad Celsius. Auf einem altmodischen Thermometer würde nur noch eine marginale Linie die roten Zahlen von den blauen trennen. Auf den Rebflächen von Schloss Wackerbarth sind unzählige Frostkerzen aufgestellt, die nun zügig entzündet werden und die Weinberge in ein leuchtendes Orange tauchen.

Weinbauleiter Till Neumeister von Schloss Wackerbarth und seine Kollegen haben in den Tagen zuvor bereits alle wichtigen Vorbereitungen getroffen. Akribisch wurde der Wetterbericht in den letzten Wochen verfolgt. Die Prognose: im Elbtal wird es Spätfröste in den Osternächten und in den Nächten vom 19. und 20. April geben. Für das Weingut haben die angesagten Temperaturen um den Gefrierpunkt ein denkbar schlechtes Timing, denn viele der Rebstöcke haben aufgrund des frühlingshaften Wetters bereits zarte Knospen ausgebildet.

Weinbergfeuer Schloss Wackerbarth
Nicht selten müssen die Winzer im Frühjahr ihre Reben vor den kalten Nächten schützen.

Die Reben befinden sich im sogenannten Woll-Stadium: eine kritische Phase, in der die plötzliche Kälte die sensiblen Knospen beschädigt. Die Knospen können braun werden und abfallen und insbesondere Jungpflanzen können in den kommenden Jahren Folgeschäden davontragen. Im schlimmsten Szenario fällt eine komplette Rebfläche aus und muss neu bepflanzt werden. Für den Winzer bedeute das ein Ertragsverlust von zwei bis drei Jahren.

Um Schäden an den austreibenden Rebstöcken zu verhindern, entzünden in diesen Nächten 20 Mitarbeiter von Schloss Wackerbarth hunderte von kleinen, kontrollierten Weinbergfeuern auf 8 betroffenen Rebflächen in Diesbar-Seußlitz, Laubach, Weinböhla und Radebeul.

Weinknospe SchlossWackerbarth

In den letzten Jahren haben sich neben den sogenannten Rauchfeuern vor allem Frostkerzen im Kampf gegen die niedrigen Temperaturen bewährt. Insgesamt sind 20 Hektar des Weinguts mit rund 100.000 Rebstöcken von der nächtlichen Kälte betroffen, die es zu schützen gilt. In der 0,8 Hektar großen Rebfläche in Weinböhla allein sind 150 Frostkerzen aufgestellt, um die jungen Muscaris-Reben vor den Frostschäden zu bewahren. Mit den Kerzen wird die umgebende Luft um bis zu 5 Grad Celsius erwärmt.

Für die Weinreben sind das die entscheidenden Grade, um die empfindlichen Knospen vor dem Unterschreiten der Frostgrenze zu bewahren. Für die Weingutmitarbeiter bedeutet das Nachtschichten bis in den Morgengrauen einzulegen, bis die kalten Stunden überstanden sind und die Temperaturen wieder steigen.

Die Natur gibt den Takt vor.
Martin Junge, Pressesprecher Staatsweingut Schloss Wackerbarth

Spätfröste sind in den hiesigen Breitengraden keine Besonderheit. In den letzten Jahren fingen die Reben jedoch immer zeitiger an, Knospen auszubilden. Mit dem Austrieb im April sind die Reben etwa 2 bis 3 Wochen eher dran als in den durchschnittlichen Jahren zuvor. Mit dieser zeitlichen Verschiebung treffen die Knospenbildung und die Spätfröste zusammen. Aus Erfahrung der Winzer lohnt sich der Einsatz der Weinbergfeuer auf jeden Fall. Ist diese kritische Phase erfolgreich überstanden, sind nicht nur die Rebstöcke, sondern auch die Voraussetzungen für den Jahrgang 2020 gesichert.

Wer in der Nacht vom 20. auf den 21. April zufällig einen Blick auf die Weinberge im Dresden Elbland wirft, den erwartet ein spektakulärer und zugleich surrealer Anblick, wie in der Ferne die kleinen, flackernden Lichter der Frostkerzen die sonst so friedlich schlummernden Reben erleuchten.