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Barock revisited

Meißens neues Gesicht – das Traditionsunternehmen erneuert sich

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Meißen ist eine der berühmtesten Porzellanmarken der Welt. Man muss sich nicht besonders für Tischdekoration interessieren, um bei dem Namen gleich ein Bild vor Augen zu haben: Jahrhundertealte Muster und Kaffeeservice, die so teuer sind, dass man sie vielleicht lieber im Schrank lässt. Jetzt will sich das Traditionsunternehmen erneuern – und zurück zu seinen Wurzeln.

Wie kann sich ein 300 Jahre altes Unternehmen verjüngen, ohne sich selbst zu verraten? In der Meissener Porzellanmanufaktur setzt man auf den Weg zurück zu den Ursprüngen. Seit 2017 hat das Designerteam Odeeh, bestehend aus Otto Drögsler und Jörg Ehrlich, die Kreativdirektion übernommen. Die beiden Modedesigner wollen den alten Glanz der Traditionsmarke aufgreifen und in neues Licht rücken.

Seit Jahren arbeiten Drögsler und Ehrlich im Team, seit 2008 haben sie das gemeinsame Modelabel Odeeh und entwerfen Kollektion aus Jersey-Stoffen mit bunten Mustern. Bei Meissen sind die beiden nun für Design und Produktausrichtung zuständig. Sie sollen dem Traditionsunternehmen ein neues Gesicht verleihen.

Moderne Vielfalt

Dieses neue Gesicht offenbart sich etwa in den Zeichnungen auf der Wandtellerserie „Faces“. Die gezeichneten Motive entstammen der Feder von Otto Drögsler. Nicht nur die Linienführung ist dabei ungewohnt modern, auch die Darstellung der Gesichter, inklusive dem ein oder anderem Piercing, fällt auf.

„Es geht uns vor allem darum, Meissen im Kontext mit anderen Luxusprodukten kompatibel zu machen“, sagt Jörg Ehrlich. Odeeh will den gesamten visuellen Auftritt der Marke schärfen. So präsentiert die neue Henkelbecherkollektion etwa die gesamte Vielfalt des Meissener Handwerks: Es sind schlichte Becher mit klassizistischem Henkel, die mit insgesamt 25 verschiedenen Dekoren aus der 300-jährigen Firmengeschichte bemalt wurden. „Bei den Kaffeebechern geht es uns darum, die unglaubliche handwerkliche Vielfalt der Meissener Manufakturisten zu zeigen“, so Ehrlich.

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Der „Reicher Hofdrache“ ist ein Dekor, das sich stark an den Chinawaren aus jener Zeit orientiert. Es wurde erstmals im Jahr 1731 für Kurfürst August den Starken produziert und war bis 1918 ausschließlich dem sächsischen Hof vorbehalten.
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In Anlehnung an die chinesische Porzellanmalerei entwickelte man 1731 in Meißen das Zwiebelmuster. Es zeigt eigentlich keine Zwiebeln, sondern Pfirsiche, Melonen, Bambusstöcke und Chrysanthemen. Da man nicht auf Originalvorlagen zurückgreifen konnte, sind die Abbildungen jedoch stark stilisiert — der Volksmund gab dem Muster dann den passenden Namen.
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Meissener Porzellan ist beliebt. Als Tischservice einerseits, aber auch als Ziergegenstand. So produziert Meissen aufwenig gestaltete Porzellanfiguren, Wandteller und Vasen. Die Teller aus der neuen Serie „Faces“ greifen die traditionellen Wandteller auf und geben ihnen mit modernen Abbildungen einen neuen Anstrich.
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Die Blumenmalerei ist die Königsdisziplin der Unterglasurmalerei. Die Rose taucht seit 1740 als Dekor von Meissen auf. Die besondere Herausforderung: Die Maler arbeiten mit einer braunen Farbe, die ihre bunte Strahlkraft erst nach dem Brand erhält. Bei der Darstellung der Blumen orientieren sie sich an Stilleben.
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Traditionell arbeitet die Meissener Manufaktur auch mit externen Künstlern zusammen. Chris Antemann gestaltet aufwendige Porzellanfiguren, die mit barocken Formen und Vorbildern spielt.
Ingo Peters
Otto Drögsler und Jörg Ehrlich von Odeeh

Meißen ist der Ursprungsort der europäischen Porzellanherstellung. 1708 gelang es Johann Friedrich Böttger, erstmals außerhalb Asiens weißes Porzellan herzustellen. 1710 wurde die „Königlich-Polnische und Kurfürstlich-Sächsische Porzellan-Manufaktur“ gegründet, Produktionsstätte war die Albrechtsburg in Meißen. Es war die Grundlage für eine der erfolgreichsten und bekanntesten Porzellanmarken der Welt.

Luxus versus Masse

Auch während der Zeit der DDR war das Luxusgeschirr aus Meißen gefragt, ein Großteil der Produktion ging aber ins Ausland, so konnte sich die DDR mit Devisen versorgen. Erst nach der Wende geriet das Unternehmen in Schwierigkeiten. Der Staat Sachsen übernahm die Manufaktur, Stellen wurden gestrichen und Meissen suchte nach seinem Platz auf einem Markt, der mehr und mehr von Massenproduktion bestimmt wurde.

Die neuen Kreativdirektoren Odeeh sind Teil der Neuausrichtung, mit der die Meissener Porzellanmanufaktur diesen Platz nun finden will. Es ist noch nicht allzu lange her, dass Meissen selbst den Schritt in die Modebranche wagte – der Ausflug war schnell wieder vorbei.

Dass die Modedesigner von Odeeh nun die kreative Ausrichtung der Marke übernehmen, könnte man als Ironie der Geschichte auffassen. „Wir entwickeln in beiden Bereichen Dinge, die das Herz und die Sinne erfreuen sollen. Luxus im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Ehrlich. Sie bemerkten eine Sehnsucht für Handwerkliches in allen Altersgruppen, erklärt er. Nicht umsonst ist man bei Meissen stolz darauf, selbst Manufakturporzellanmaler auszubilden.

Am 26. und 27. April 2019 kann man auf dem Tag der offenen Tür einen Blick in die Produktionsbereiche von Meissen werfen. Außerdem gibt es tägliche Audio-Guide-Besichtigungen durch die Schauwerkstatt.
Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen GmbH, Erlebniswelt Haus Meissen®, Talstraße 9, 01662 Meißen

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