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Sie bewahrt den Dresdner Zwinger für die Ewigkeit

Teil 1 unserer Serie: Die Traditionsmacher

Zwingerbauhütte
Lydia Esther Zbanek, 19 Jahre alt, ist Steinmetzin im dritten Lehrjahr an der Zwingerbauhütte Dresden.

Historisches Wissen und Können zu bewahren, war Dresden schon immer wichtig. Doch anstatt Traditionen lediglich zu konservieren, entwickelt heute eine neue Generation das Erbe ihrer Stadt weiter.
Wir stellen junge Dresdnerinnen und Dresdner vor, die mit Leidenschaft ein altes Handwerk praktizieren – und zwischen Vergangenheit und Zukunft eine Brücke schlagen.

Spielende Nymphen, pausbäckige Putten, ein Tamborinschläger – und Herkules, der die Weltkugel auf seiner Schulter trägt: Der Dresdner Zwinger ist reich bevölkert, und jeder Bewohner einzigartig. Wenn die Witterung an den Figuren oder den filigran verzierten Fassaden ihre Spuren hinterlässt, ist handwerkliches Geschick gefragt. Denn das Wahrzeichen der Stadt, eines der bedeutendsten barocken Bauwerke, soll in all seiner Pracht erhalten bleiben. 698 Skulpturen, 17 Brunnen, 1,2 Kilometer Balustraden, 15.000 Quadratmeter Fassadenfläche: Es gibt viel zu tun auf der riesigen Anlage.

Zwinger Dresden
698 Skulpturen schmücken den Dresdner Zwinger. Immer wieder sind Restaurationen nötig, um sie für die Ewigkeit zu erhalten. Viel Arbeit für die Steinmetze und Bildhauer der Zwingerbauhütte. Foto: Sven Döring / Agentur Focus (DML-BY)

Zwingerbauhütte Dresden: So arbeiten die Steinmetze und Bildhauer

Das ist der Job des Teams in der Zwingerbauhütte: Das ganze Jahr hindurch pflegen die Steinbildhauer und Steinmetze den feinen Elbsandstein, restaurieren Figuren, bessern Schäden aus, stabilisieren wackelnde Balustraden.

Eine von ihnen ist Lydia Esther Zbanek, 19 Jahre alt, Steinmetzin im dritten Lehrjahr. Sie arbeitet jeden Tag daran, den Zwinger für die Ewigkeit zu erhalten. Dafür benötigt sie keine Hightech-Ausrüstung, sondern nur die traditionellen Werkzeuge ihrer Zunft: Beizeisen und Knüpfel, Augenmaß und Verstand. Ihr Ausbilder Ralf Schmidt unterstützt sie dabei, mit jedem Handgriff sicherer und schneller zu werden. „Wir gehen mit Riesenschritten auf die Prüfung zu“, sagt er. „Das heißt: trainieren, trainieren, wie im Leistungssport.“

Ralf Schmidt – der Hüttenmeister der Zwingerbauhütte

Ralf Schmidt selbst greift nur noch selten zum Knüpfel. Als Hüttenmeister ist er für die Organisation zuständig: Aufgabenverteilung und -kontrolle, Abnahmen, Materialbeschaffung, Bauberatung. Doch die Liebe zu seinem Handwerk merkt man ihm an, wenn er von den Arbeiten der Kollegen und Kolleginnen bei der Bundesgartenschau in Erfurt schwärmt – oder von der Grabsteinkunst in muslimischen Ländern.

Mit dem Dresdner Zwinger ist Ralf Schmidt über Generationen verbunden: Schon sein Urgroßvater arbeitete Anfang des 20. Jahrhunderts als Bildhauer an den Figuren und Fassaden und seine Mutter erlernte im Zwinger denselben Beruf, in den 50er-Jahren.

UNESCO ernennt Zwingerbauhütte zum immateriellen Kulturerbe

Mehr als ein Jahrhundert ist vergangen, seit die Zwingerbauhütte gegründet wurde. Die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg machten die langen und aufwendigen Restaurierungsarbeiten, die in den 20er- und 30er-Jahren getätigt wurden, wieder zunichte: Große Teile des Zwingers wurden zerstört. Nach dem erneuten Wiederaufbau der barocken Anlage wurde die Zwingerbauhütte 1968 aufgelöst – und nach der Wende, 1991, aber wieder neugegründet.

2020 wurde die Arbeit der Steinmetze und Bildhauer auf ganz besondere Weise geehrt: Die Zwingerbauhütte wurde von der UNESCO zum „immateriellen Weltkulturerbe“ ernannt – als Anerkennung für die stete Bewahrung und Weitergabe von handwerklichem Fachwissen.

Steinmetz und Steinbildhauer: Ein Beruf mit Zukunft

Zwingerbauhütte
Lydia Esther Zbanek in der Werkstadt der Zwingerbauhütte Dresden. Fotos: Nils Bröer

Eine so lange Vergangenheit in der Zunft kann Lydia Esther Zbanek noch nicht verbuchen – aber die Zukunft ist vielversprechend. Ralf Schmidt freut sich über die Begeisterung, die der Nachwuchs bei der Arbeit empfindet: „Man muss die jungen Leute an die Hand nehmen und da reinschubsen – und wenn sie einmal Feuer gefangen haben und sehen, wie sie sich hier selbst verwirklichen können, dann läuft das!“

Die Verbindung aus breit angelegter Theorie – wie Fachrechnen, Statik, Geografie, Geologie oder technischem Zeichnen – und körperlicher Arbeit macht für ihn den Reiz aus bei der Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer. Die Kombination ist für viele Lehrlinge eine Grundlage, um ein Studium anzuschließen: Bauingenieurswesen, Architektur oder Archäologie.

Lydia Esther Zbanek konzentriert sich vorerst auf ihre Arbeit am Elbsandstein und auf die Suche nach dem passenden Gesellenstück, das – natürlich – eine Verbindung zum Dresdner Zwinger haben soll. War sie wieder einmal viel „am Stein“, schmerzen die Hände. Aber sie weiß: „Das gehört einfach dazu“. Dafür geht sie abends mit dem guten Gefühl nach Hause, dass alles, was sie erschaffen hat, viele Jahrzehnte überdauert. Und dass die Schönheit des Zwingers für die Nachwelt erhalten bleibt.

Zwingerbauhütte anschauen?

Eine Schauwerkstatt für Touristen gibt es zwar nicht, doch bei Veranstaltungen wie dem Tag des Offenen Denkmals oder dem Tag des Offenen Regierungsviertels Dresden öffnet die Zwingerbauhütte ihre Türen auch für Besucher.

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